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Tränen und Abschiedsumarmung vom Fahrrad

Der Abschied von Cambridge ist genommen. Sehr traurig und schön. Uns ist dieser Ort richtig ans Herz gewachsen. Das war eine so gute Zeit für unsere kleine Familie. Durch die verschiedenen Phasen erscheint es mir richtig lang – waren es wirklich nur 10 Monate?
Ankommen, Erkunden und Urlaubsgefühle im August/ September- Schulstart und Tränen – ein leuchtender Herbst – Salome zu Besuch – Playdates und Ausflüge – Schnee im Winter und zugefrorene Seen – ein regenreicher Neu England Frühling – die Spanier als Nachbarn – und dann natürlich diese besonderen Monate unter Corona – Schulschließung, Lockdown, Rückzug und Isolation, aber auch Nähe im Haus und die Chance als Hausgemeinschaft zusammen zu wachsen.
Die Bilder unten: Abschiedstour mit dem Rad durch Boston und zu Fuß durch die Nachbarschaft, Nachmittag bei der Nachbarin Elin und Haus BBQ im backyard mit Tom, Ying, Aria Yajun und Irene. Die leere Wohnung.

Es ist so gut nun dieses „Niemandsland“ hier zwischen unseren beiden zu Hausen zu haben.

Gerade sitze ich auf unserer Veranda unter einem großen Sonnenschirm. Die Straße runter und durch den „Geheimpfad“ geht’s zum Meer. Wir können es sogar oben hören. Der Strand ist menschenleer. An Sonnentagen und Feiertagen kommen ein paar Badegäste, ansonsten kennen wir schon alle Strandspaziergänger und Hundeführer und die anderen Familien der Häuser die Straße hoch.

auf zum Strand

Am liebsten mögen wir den Strand bei Ebbe. Da tut sich nämlich nach den pieksigen und muschelbesetzten Steinen eine Sandinsel auf… hier können alle durchs eiskalte Wasser jagen und sich fallen lassen, Burgen oder Meerungeheuer aus Sand bauen und sie nach etwa einer Stunde -dann kommt die Flut- wieder gegen das steigende Wasser verteidigen. Keine Chance. Der Wasserspiegel wächst etwa um 1,5 m -das hat noch keine Burg geschafft.
Zudem ist das Wasser bitterkalt. Also auch die mutigsten Kinder müssen irgendwann mit blauen Lippen in warme Handtücher geschlungen werden. Ich bin beeindruckt wie unerschrocken Nora dabei ist und mit den Jungs gemeinsam Elias durchs Wasser jagt. Ich steh da lieber mit Till im knöcheltiefen Wasser und suche Muscheln oder Steine.
Der Strand wird von einer tief abfallenden Düne begrenzt. Sie ist oben bebaut und verliert deutlich sichtbar durch Erd- und Sandrutsche Land. Manche der Bäume und Häuser stehen gefährlich an der Grenze und die Besitzer veruschen sie mit Steinwällen und Bepflanzungsplänen zu retten. Aber Wurzeln ragen in den Abgrund und der Sandboden reißt alles mit. Eine Bekanntschaft vom Strand baut seit 14 Jahren an seiner Steinmauer und hat laut stolzem Eigenbericht keinen Meter Land verloren… Aber sein Haus steht echt am Abgrund. Ob das meine Freizeitbeschäftigung sein könnte?

Unser Haus hier ist riesig und doch ist es das kleine Ferienhaus neben den seltsamen Schlössern um uns herum. Die Straße weiter runter kommen etwas bescheidenere Sommerhäuser, die eher wie alte Fischerhütten in den Dünen liegen. Eindeutig sympathischer. Aber für einen Monat lässt es sich auch in dieser amerikanischen Dimension aushalten. Mega Grill auf der Veranda, riesiger Backyard (automatisches Bewässerungssystem der schönen Pflanzen)… es fehlen wohl nur die dicken SUVs in der Einfahrt. Dafür stehen zwei Räder da und unser Anhänger. Damit lassen sich auch hier die Einkäufe erledigen. Zum Glück. Der Supermarkt ist nicht weit und auch von keinem Highway abgeschnitten.
Obwohl wir mit so vielen Grundvorräten angereist sind, bedarf es zwei Einkaufsladungen die Woche. Elias musste tatsächlich an unserem Anreisetag dreimal zwischen Cambridge und dem Ferienhaus hin und her fahren…(mit einem Siebensitzer!) Mehlsäcke und Kisten an Lebensmitteln, Kinderhorden und riesige Taschen und vieles mehr transportieren. Irgendwie müssen wir alle nochmal radikal ausmisten (und aufessen), sonst kommen wir mit dem Zeug nicht ins Flugzeug. Täglich werden hier Brote gebacken und ganze Frischkäse, Milch und Buttervorräte verschwinden einfach.

Nora- die Wassernixe

Aber wir sind ja auch 10 Menschen.
Da es nur drei Schlafzimmer gibt und auch unterschiedliche Ansprüche an Schlafumgebung und Privatsphäre… hat sich Eva als begeisterte Freiluftschläferin das Zelt im Garten aufgebaut und schläft dort meist mit Frieder- ihrem Jüngsten. Johanna- die Älteste hat ein eigenes Zimmer bekommen und Stefan ist ins Kinderzimmer gezogen. Die restlichen Kinder schlafen im Stockbett, mal mit im Zelt oder auch mal bei uns- Till ja sowieso. Fritzi durfte auch mal bei Johanna übernachten und die letzten zwei Nächte gab es ein großes gemütliches Matratzenlager auf der Veranda… Also ein fröhliches Wechselspiel und Getausche. Der Sternenhimmel hier ist eine Pracht und ich beneide alle, die draußen schlafen- nur mit Till an der Seite wird mir das gerade etwas zu bunt bzw. ist dann eben auch keine Veranda mehr frei.
Die ersten zwei ein halb Wochen hatten wir noch Schule und haben auch brav an allen Zoom-meetings teilgenommen und Hausaufgaben gemacht. Schöne Abschiedsfilme und good bye notes verschickt und eine große Verabschiedung der Fünftklässler gefeiert. Irgendwie ist es den Lehrern richtig gut geglückt das Schuljahr rund enden zu lassen. Ich hatte ja etwas auf den Effekt der anderen Schulkinder als Lernmotivation gehofft, aber eigentlich wurde es nur stressiger. In dem Haus gibt es eben keine geschlossenen Räume und kaum Tische. So hat in jeder Ecke ein zoom meeting stattgefunden… laut und blechern schallend, dann wieder irgendwelche anderen Hausaufgaben oder sportliche Pausenfüller… dazwischen die beiden Kleinen, die ich ruhig halten soll, aber wegen Fritzi nicht mit ihnen an den Strand kann… ich war auf alle Fälle von dem Mehr um mich und Fritzis Ablenkungsgabe und Träumerei gestresst.
Highlights waren aber schöne kleinen science Projekte: Blumen und Haare mit Krepppapier färben, ein bouncy egg entstehen lassen (24 Stunden in Essig einlegen…probiert es mal! Das rohe Ei verliert seine Kalkschale und wird weich… aber durch die Haut ist es gehalten). Sonnenuhr und Strandhaus bauen…Oder dreht ein randvolles Wasserglas mit Papier obendrauf um… nichts läuft raus! Mutprobe über dem Kopf? Wer kennt das Teelicht im Wasseraufzug…?


Nun sind aber Ferien und nur Elias und Eva müssen arbeiten- Stefan macht auch noch zwei online Schulungen. Die Kinder und ich sind aber im richtigen Urlaubsmodus und nach den ersten Irritationen sind wir Zehn ein gut eingespieltes Team. Aber eben nicht so ohne, wenn sich zwei (familien) Systeme einschwingen müssen. Da sind Tischregeln und Essenspläne nur ein symbolischer Punkt. Auch die Kinder verlieren voreinander etwas den Freundschaftsbonus oder die Unschuld… eher wie Geschwister sind sie nun. Sehr nah und doch auch mal voneinander genervt. Die vier Mittleren spielen weiter sehr schön, aber Johanna hat sich rausgezogen. Darunter leidet Fritzi und kann es nicht verstehen, dass eine Elfjährige nicht mehr ständig mit den Sechsjährigen spielen will… damit fliegt dann aber auch Till raus, der davor oft von Johanna mitgetragen wurde… und schwupp hab ich ihn wieder ständig am Rock.
Ich bekomme eine Ahnung was so in der Pubertät passieren kann und welche Herausforderungen da noch auf uns Eltern zukommen… und auf die Kids sowieso.
Ja Gruppendynamiken. Mit dem Blick von außen ist es einfach nur spannend und man kann staunend Dynamiken betrachten und analysieren. Wenn man selbst drinsteckt, ist es nicht immer leicht. Aber wie immer, ansprechen und nachfragen hilft. Und lässt plötzlich neue Seiten und Nähe entstehen. Wie können Situationen doch immer wieder so unterschiedlich erlebt werden?!


Till, der den ganzen Esstisch mit Quatsch unterhalten kann und in einem fort redet. Eindeutig ganze Sätze… aber weiterhin in vollkommener Phantasiesprache. Allerdings versteht er wirklich alles.
Er ist echt zum Piepen und auch so unfassbar süß. Sehr gestenreich und sehr entschieden setzt er seinen Willen durch und hat uns fest im Griff. Er kann furchtbar quengeln, zetern und jammern und beim Erreichen des Gewünschten schlagartig verstummen und lachen. Er tanzt mit, wenn die Großen tanzen. Er eilt ihnen am Strand hinterher (wie ein kleiner Strandvogel mit vielen kleinen schnellen Schritten) und kann schon die dollsten check-Handschläge- am liebsten schnell die Hand ans Ohr…als telefoniere er lieber als einzuschlagen..
Fritzi himmelt Emil an und kichert und giggelt und sucht ganz viel seine Nähe. Frieder und Nora schaffen es manchmal ein gutes Team zu sein, oft fühlen sich beide aber auch ausgeschlossen. Manchmal hängen auch die Geschwister als Paare ab oder Einzelne finden ihren Rückzug in Projekten. Emil hat eine solche Kreativität und eine Ausdauer und kann unabhängig von Allem um ihn herum in seinen Bastelleien versinken. So coole Ideen!
Dann verschwinden wieder alle vier für Stunden im Garten und Polsterkissen, Puppen, Schüsseln… werden aus dem Haus geschleppt und sie sind vergnügt und spielen und spielen und spielen.
Gestern Abend gab es solche Kicheranfälle, das anschließend Pipiunterhosen gewechselt werden mussten… richtig lustig also.

Wir bekommen wunderbare Besuche (Fee und Matthi mit Hedda). Zwei Seen haben wir bisher erkundet, aber unser Radius ist ohne Räder nicht besonders groß. Nach einer Strandwanderung und dem Rückweg über die Straße hab ich mir Brandblasen gelaufen. Also lieber einfach gemütlich im Schattengarten spielen und Nachmittags ans Wasser! Mit Chips und Guacamole machen wir regelmäßig Party, tanzen auf der Veranda, spielen alle zusammen Pantomime/ Begriffe raten oder essen am Strand Pizza. Gestern Abend sogar mit Feuer. Uns geht es also richtig gut.
Von den Girls bekommen wir einstudierte Tänze vorgeführt (eigentlich ist es immer der Gleiche). Die Entscheidung für das kollektive Outfit und das gemeinsame Styling sind mindestens so wichtig, wie die Sitzordnung der Zuschauer. Johanna und die gleichaltrige Freundin Irma haben die Choreographie entwickelt und nun läuft in Dauerschleife dancing monkey aus dem teenager-Handy! Nora möchte nun Irma heißen, wenn sie groß ist und auch Fritzi war im siebten Himmel, dass sie bei den beiden großen Mädchen am Strand dabei sein durfte.
Irma und Johanna die Beachakrobatinnen, Fritzi und Emil die Springer:

Die Tage hier sind nun gezählt. In einer Woche sind wir bereits back in Germany. Am Samstag kommt noch einmal unsere ganze Hausgemeinschaft der Buena Vista Park zu Besuch und wir machen ein großes Abschiedsgrillen. Schon zwei Mal waren sie bei uns draußen und wir haben so schöne und persönliche Stunden verbracht. Wir sind schon auf eine schöne Art zusammen gewachsen- tatsächlich Dank der Corona Krise. Aria musste so bitterlich weinen, als sie abends fahren musste. Till fragt seit her täglich Aria aua? Und hat es noch nicht ganz verwunden. Ying hatte mir nach ihrem ersten Besuch eine rührende SMS geschickt. Der Besuch bei uns sei der Highlight ihres letzten halben Jahres und das erste mal habe sie für Stunden den Virus vergessen. Uh. Ich selbst vergesse ihn für ganze Tage und lebe so sehr in einer Parallelwelt. Aber Cambridge lebt immer noch den absoluten lockdown. Masken jederzeit von allen. Alles geschlossen. Schulen werden hier vermutlich im September noch nicht normal öffnen… wie unterschiedlich kann überall das Leben so sein? Und wenn wir Zeitungen lesen, dann wundere ich mich, was sonst in diesem großen Land passiert. Wie die einzellnen Staaten und ihr Präsident nur so unterschiedlich walten können?
Ja und dann passiert hier ja gerade so viel mehr, als der Virus. Aber auch von der ganzen black life matter Bewegung, den landesweiten Protesten hören wir nur in Podcasts und lesen wie ihr in der Zeitung.

Von der Schule und dem ganzen Bezirk gab es auch zu diesem Thema viele gute, berührende Mails und auch kleine Aktionsaufrufe an denen wir mitgemacht haben. Mich berühren die klaren, persönlichen und emotionalen Emails jedes Mal sehr und ich sitze mit Tränen in den Augen vor dem PC. Aber George Floyd in den Sand zu schreiben und mit seinen Kindern darüber zu sprechen ist das Eine… selbst um die Sicherheit zu fürchten, auf Grund der eigenen Hautfarbe, ist etwas ganz Anderes… Es fühlt sich auch etwas heuchlerisch und profan an, an diesen Aktionen teil zu nehmen. Aber die ganze Diskussion ist ein guter Anlass auch das eigene Land und das eigene privilegierte Leben zu hinterfragen.

Wir wurden schon zweimal umgebucht. Aktuell lassen sie uns über Washington/ Frankfurt nach München zurückreisen. San Francisco war kurz in der Diskussion… wie absurd! Erst sechs Stunden in die falsche Richtung, um dann aber direkt nach München zu fliegen. Hoffentlich erwischen wir alle Flieger. Schickt Dienstag/ Mittwoch gute Gedanken gen Westen und den Himmel. Fliegen ist ja nicht meine Leidenschaft.
Wir freuen uns aber so auf München und all die lieben Menschen. Da wir aus Massachusetts kommen, müssen wir nach den aktuellen Regelungen noch nicht mal Quarantäne halten. Entscheiden tun wir es einfach nach unseren Flugerlebnissen… ich kann das alles von hier so schlecht einschätzen. Aber vielleicht könnten wir nun doch nach ein paar Tagen Freunde treffen! Aber zunächst versinken wir wohl auch im Jetlag… umsteigen mit drei kleinen Kindern (gefühlt um 2 Uhr nachts) ist sicher nicht so lustig. 16 h Reisezeit… plus alle Autofahrten und Warterei… yeah baby!

Gerade planen Elias und ich die Rückreise mit dem roten Rupi-Bus am 15. Juli nach Wiesbaden und lassen die Girls noch zwei Tage bei meiner Mama. Dann können wir auspacken, umräumen und zwei Räume streichen. Ja, ich plane innerlich unsere Wohnung… Und irgendwie fühlt es sich gut an: Ankommen mit etwas neuer Farbe. Zudem ist es überfällig und eine gute Gelegenheit… so viel Kram noch auf dem Speicher. Außerdem werden wir wohl die nächsten Jahre in Wiesbaden bleiben. Denn (ta-ta!!), Elias hat eine Stelle beim BIB (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung) in Wiesbaden angenommen. Eine lange und schwere Entscheidung für ihn, die uns die letzten zwei Monate viele Gespräche und Zukunftsgedanken gebracht hat. Fühlt sich nun aber für uns beide gut an. Pragmatisch und passend und damit lohnt sich ein neuer Farbanstrich in der Blücherstraße.
Und vielleicht geht’s dann in drei Jahren nochmal nach Cambridge… wir haben hier ja noch einen Frühling gut!
Gerade bin ich zerrissen zwischen Vorfreude, Ungeduld auf euch alle und auch Sorge… Zurückkommen ist nicht unbedingt leichter als Weggehen.

Wir werden so viel vermissen.
Wir haben so viele schöne Erlebnisse in unserem Gepäck.

Danke euch allen fürs Mitreisen und Teilhaben.
Es ist nun schön zu wissen, dass ihr irgendwie dabei wart und ein Gefühl dafür habt, aus welcher Welt wir kommen. Nun wirklich bis ganz bald,
Judith

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