Ihr ich schreibe euch von unserem großen Holztisch aus der Blücherstraße. Unten brummt der Bus und alles wackelt sanft. Manche Autos beschleunigen in der Kurve, Stimmen sind zu hören, manche singen, manche grölen, die Krankenwagensirene hört sich wieder an wie immer. Alles beim Alten. Und doch alles anders. Wir haben die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt. Aber der Reihe nach:
Damit die ganze Sache sich irgendwie rund anfühlt, gibt es nun doch noch einen letzten Blogeintrag- von zu Hause.
Unser Rückflug verlief für uns genau nach Plan. Alle Flieger erwischt und auch mit allen Gepäckstücken gelandet, der grüne Anhänger stand immer am Gate und hat uns alle Flughafenwege erleichtert. Der Flug nach Washington war so holperig und die Maschine so klein, dass ich zweimal laut quicken musste und ängstlich stöhnte… ich war zum Glück nicht die Einzige, aber Fritzi wollte danach nicht nochmal meine Quetscherhand halten.
Masken hatten wir durchgehend auf, was in dem etwas überhitzten Transatlantikflug anstrengend war. Die Kinder haben alle auch mal etwas geschlafen -Till am längsten, etwa drei Stunden. Aber er ist ständig mit seinem Fuß an den Touchscreen seines Vordersitzes gestoßen, was ihm einen hellen Bildschirm beschert hat… geschlafen haben wir Eltern keine Minute (nur meine Beine oder mein Popo, da ich mich nicht bewegen wollte mit Nora quer über mir). Dafür wurde ich mit Kriegsfilmen vor mir und mit Sexszenen von links beschallt… da machen Altersbeschränkungen für die eigenen Kinder eigentlich wenig Sinn.
In Frankfurt gelandet, hat der lock down für uns aufgehört.
Zwar noch alle mit Maske, aber schon am Zoll standen wir in engen gewundenen Schlangenlinien… social distance? nicht hier. Die Kinder zum Glück mehr überdreht und albern, als müde und grantig. So sind wir mal eben (gefühlt 2 Uhr nachts) durch den Flughafen gerannt. Die erste Brezel in der Hand, standen plötzlich unsere Stuttgarter Freunde (mit denen wir in Plymouth waren) wieder vor uns. Sie sind über Kanada geflogen und hatten leider einen Autounfall mit dem Mietwagen auf dem Weg zum Airport. Totalschaden. Das braucht wirklich kein Mensch. Aber zum Glück alle wohlauf und mit dem Taxi dann den Flieger erwischt… Welch Story!
Die Maschine nach München (ich schäme mich inständig dafür) 38 min in der Luft! Sie war dann aber auch gleich mal vollbesetzt. Muss sich ja lohnen so ein unsinniger Flug. Social distance ist also für uns in Boston geblieben. Komisch. Noch immer beobachte ich, wie das öffentliche Leben hier so geht und wie man sich wohl verhält. Eigentlich wie immer? Manchmal halt mit Maske? War´s das?
Unsere Cambridge Hausgemeinschaft berichtet weiter von absoluter Isolation (seit 5 Monaten!!!) und kann mir kaum glauben, wenn ich ihnen Bilder aus dem Bus oder Zoo schicke. Da sind ja andere Menschen drauf! Ich hab (unser) Amerika ja richtig lieb gewonnen, aber ich bin gerade so, so dankbar hier in Europa zu sein.

In der Wartehalle standen dann Mama und mein Bruder Patrick! So schön! Wären die Kinder nicht voller Besitzanspruch und übersprudelnder Freude gewesen, ich hätte sicher Tränen vergossen. So sind wir mit all unserem Gepäck in die zwei Autos gekrabbelt und haben uns nach Unterhaching in die Oase fahren lassen. Ein blühender Garten und auch schon ein gekochtes Mittagessen… richtig Urlaub also. Die Kinder bei Oma- alle drei. Ich ab sofort abgeschrieben. Herrlich.
Ich bin so glücklich, dass wir die Entscheidung mit dem Zwischenbesuch bei Lenelies getroffen haben. Zeit, langsam aus dem Jetlag zu erwachen und irgendwie ein weiterer Puffer zwischen unseren Lebenswelten. Nun ist der Abschiedsschmerz schon so weit weg und wir kommen einfach aus einem ausgiebigen und erholsamen Bayernurlaub.
Meine patente Schwägerin Veronika hatte Fritzi ein Fahrrad organisiert und mit den Bikes aus der Schäftlarnstraße und Anhänger waren wir plötzlich alle mobil… also auf an den Flaucher zum Baden mitten in der Stadt oder mit meinem Bruder Patrick und seiner Familie in den Tierpark, oder quer durch den Wald zu ihnen nach Hause…
oder, oder, oder. Minga, oh was bist du grün und schee!

So viele gute und nahe Begegnungen. Wirklich wunderbar euch alle schon gesehen und erlebt zu haben. Die neuen kleinen Menschen zu bestaunen und gemütlich im Mama Garten abzuhängen- der sowieso die letzten Jahre für alle Enkelkinder aufgerüstet wurde… Sandkasten, Schaukel, Fische und Plantschbecken… was braucht man mehr? Ach ja, Himbeeren an den Fingern, Eis im Bauch und ein Bier im Kühlschrank.
Nur der arme Elias musste immerzu brav am Schreibtisch sitzen und arbeiten (aber er hat auch was vom Kuchen bekommen).
Geschlafen haben wir mit den Matratzen auf dem Balkon.















Unseren geliebten, roten Rupi- Bus (ein etwas in die Jahre gekommener, lauter und klappernder VW Bus, den wir schon in Italien hatten) haben wir uns in Murnau abgeholt. Klar, dass man auch mit Rupi über den See rudert und auf der Kuh- Insel anhält. Seit dem erzähle ich wieder (manchmal erfundene) Rupi- Geschichten zum Einschlafen.







Mit so vielen schönen Begegnungen, viel Vertrautem und Seelennähe im Gepäck sind wir am 15. Juli mit dem vollgepackten Bus gen Wiesbaden gefahren. Da die Gelegenheit so einmalig war, mal mit dem Auto von Unterhaching aufzubrechen, durfte ich alte Bücherschränke plündern und hab noch dies und das und hier und dort… eingepackt… fast nochmal eine Flugzeugladung voll 😉. Der Bus hat alles brav in sich aufgenommen und Till, Elias und mich nach Wiesbaden chauffiert. Die mutigen Mädchen (Fritzi musste beim Abschied dann doch weinen, später aber nicht mehr) haben noch drei Oma Tage drangehängt.
Wiesbaden.

der Bahnhof, die herrschaftlichen Häuser am Ring. Alles so vertraut… ist da etwa eine Fahrradspur am Ring? Und guck mal hier ein neues Cafe in unserer Straße… und da ist ja auch schon unser Haus. Ina sitzt draußen im Cafe …was auch sonst.
Wir bekommen den Schlüssel und steigen die vielen Stufen nach oben. Auf jeder Etage und auch dazwischen unzählige kleine Blumensträuße, die uns den Weg weisen. Vor der Wohnung ein großes und buntes Willkommensplakat… in der Wohnung noch mehr Blumen. Ein Kuchen und so viel leckeres Obst. Ein Brot und Briefe und ein Gutschein… alles mit Rosenblüten versehen.

Welch Willkommen!
Leute ihr seid der Hammer! Das sei hier nochmals gesagt! Was ist das doch für eine schöne und bunte Gemeinschaft!

Elias beginnt die Taschen zu schleppen und ich versuche den verschreckten Till von meinem Bein zu lösen… für ihn war das alles in den letzten Wochen einfach viel Wechsel… und nun fehlen seine Schwestern. „Didi?“ und „Nünü?“ er sucht sie und fragt pausenlos.
Wir sind so voller Tatendrang und Schaffenskraft, dass wir tatsächlich in den nächsten drei Tagen, eine Baumarkttour und Großeinkauf hinbekommen, alle Taschen auspacken, auch gleich etwa acht Kisten vom Speicher dazu und den Kram wieder an seinen Ort verteilen, Bett aufbauen, Regale abbauen und Bücher stapeln, abkleben und zwei Räume streichen… warum also nicht endlich auch noch die glitzernde Styropor Decke abnehmen und Kleberreste abschaben…? Gesagt, getan. Und eigentlich macht doch die Raumaufteilung mehr Sinn, wenn der Schrank hier und das Kinderbett dort steht… dann aber auch die Treppe ins Schlafzimmer und den Kinderkleiderschrank auch… die Bohlen quer unters Gästebett, so hat Fritzis Schreibtisch noch Platz… Lass uns doch auch gleich die Küche umbauen! Also nochmal Baumarkt und streichen…
Leider musste ich doch auch recht viel putzen… aber das gehört zum Wohnung erobern wohl dazu. Der fremde Schmutz ist einfach ekliger als der eigene.
Da Till mich entweder nicht aus dem Zimmer lässt, oder selbst motiviert mit anpackt- nicht immer hilfreich wie ihr euch vorstellen könnt- habe ich meine produktiven Schichten morgens ab 5.00 …wenn die Ideen mich aus dem Bett treiben oder abends nach 22. Uhr… dazwischen klotzt Elias mit der Hilfe von Frans (1000 dank!).
Nur gut, dass mal auch Jenna und Andreas mit Wein vor der Tür stehen.









Ja, so ist es nun irgendwie anders und doch vertraut. Genau richtig für ein altes und neues Leben. Die Wohnung und das Projekt… beides fühlt sich gut an. Im letzten Jahr sind zwei weitere Familien in die Blü17 gekommen… nun gibt es 12 Kinder unter 7! Fritzi und Nora freunden sich im Schnelldurchgang mit Emilia und Juri an und verschwinden für Stunden im Haus. Heute wird übernachtet…nachdem die Kinder selbst den Gemeinschaftsraum eingedeckt haben und uns alle zum Freitagessen am Mittwoch geladen haben. Schön, dass die Gemeinschaft spontan für so etwas zu haben ist. Überhaupt sind die Kids richtig gut gelandet und scheinen vieles zu mögen. Die alten Freundschaften entflammen im hast du nicht gesehen und all die Besuche und ersten Playdates waren einfach herrlich. Was haben wir doch für ein schönes, soziales Leben und tragendes Netz.
Richtig körperlich vermisse ich allerdings frische Luft. Hier zieht durch beide Seiten Rauch in unsere Wohnung und ich kann nicht frei lüften… zudem der Stadtlärm. Das strengt mich beides leider gerade sehr an und nimmt uns auch Lebensqualität. Aber was wäre eine Alternative?









Fritzi hat seit gestern einen neuen Schulranzen (natürlich nicht neu!) und legt ihn eigentlich nur nach mehrmaliger Aufforderung ab. Auch Hausschuhe- aber bitte mit fester Sohle und Turnschuhe mit weißer für die Halle… Stifte und Radiergummi, Block und Farben… sind besorgt und einzeln beschriftet. Die Schultüte wird gerade in Etappen gebastelt… Die Vorfreude von Fritzi wächst.
Mir fehlt da etwas Cambridge mit dem sozialen Gedanken, dass die Schule alles stellt und die Kinder zum Teilen und gemeinsamen Nutzen der Dinge angehalten werden… auch die Elterninformation und die gefühlte Nähe zu den Institutionen muss ich mir etwas erarbeiten. Auf Emailantwort aus dem Kindergarten warte ich 12 Tage. Immerhin sind nun Till und Nora angemeldet (natürlich nicht bei der Wunscherzieherin in der Gruppe- aus Prinzip?) – das Anmeldegespräch kühl und durch Bürokratie geprägt. Meine Emailadresse wollten sie im Kindergarten nicht haben- soll sich der Elternbeirat drum kümmern… hallo, in welchem Jahrhundert stecken wir? Ein Verteiler würde Transparenz, direkte Information, Nähe ermöglichen… und den Elternbeirat entlasten. Kann so etwas nicht durch eine städtische Verwaltung gestellt werden?
Unser institutioneller Alltag startet am 17. 08 mit den beiden jüngeren und doppelter Eingewöhnung. Einen Tag später geht es für Fritzi in der 1d (der Bienenklasse) los und zwei Wochen danach stempelt sich Elias das erste mal in Wiesbaden im Büro ein. Ich hoffe, dass alle Eingewöhnungen gut laufen und ich dann auch nach sechs Wochen meinen ersten Dienst im Kreißsaal antreten kann. Irgendwie wird das alles für uns noch eine gewaltige Umstellung. Gerade sind wir ja ständig alle zusammen. Das hat gute Seiten und ist schön- aber auch anstrengend. Dieses intensive Familienleben… Elias arbeitet zwar viel… aber jeder Mahlzeit wird gemeinsam eingenommen, er ist ja einfach vor Ort… aber etwas individuellere und eigene, freie Momente tun uns sicher auch gut. Fritzi und Nora haben gerade eine anstrengende und doofe Dynamik. Nora will alles von Fritzi kopieren, nachmachen, gleich haben… hat sich selbst irgendwie etwas verloren und weiß nicht mehr, was sie selbst will. Klappt es nicht, bekommt sie theatralische und schluchzende Wutanfälle… voller Verzweiflung- die ist echt, aber irgendwie sinnfrei. Fritzi dagegen ist genau davon genervt und lässt Nora ständig auflaufen, grenzt sich ab und weist zurück. Wie ich beide verstehen kann. Wie mich beide nerven.

Aber so wird die Entscheidung an der Eisdiele zum Konflikt und ich hätte große Lust den Geldbeutel einzustecken und die Luxusprobleme verpuffen zu lassen. Wer sucht sich seine Kugel zuerst aus? Nora will nämlich sicher genau die gleiche wie Fritzi… die wiederrum will extra eine andere wählen und will Nora vorlassen, wird barsch und unfreundlich… Himmlisch. Für geistreiche (und hilfreiche) Anmerkungen bin ich gern zu haben!
Till ist zunehmend ein kleiner Wüterich und Schwestern ärgern und jagen macht Spaß. Blöderweise kratzen und hauen auch. Er wäre so gern dabei… aber das geht eben nicht immer und er macht schon auch lustvoll extra ihre Spiele kaputt oder klappt Vorlesebücher zu. „Spi“ sagt er und zieht uns auf seinen Teppich im Kinderzimmer. Dann fahren wir mit den matschbox Autos (die, die letzten vier Jahre ignoriert wurden) oder füttern namnamnam kleine Schleichtiere. Auch Bälle werfen oder rollen kann ihm Spaß machen. Jungsgene? Aber sein Puppen Baby trägt er wie die Mädels im Tragetuch durch die Straße.
Was haben wir ein Glück, dass wir gerade die Katzen in der Nachbarwohnung versorgen dürfen… so kommen wir meist die Treppen hoch. Mau? Das motiviert die kurzen Beine bei den vielen Stufen. Aber auch Treppenkämpfe kämpfen Till und ich.
Jede Taube wird mit einem buhh verjagt… auch wenn sie gegenüber auf dem Hausdach sitzt, bringt sie Klein Till in unserer Wohnung in Wallung. Welch Freude, dass wir Marie am Bahnhof abgeholt haben… da konnte man die Vögel richtig verscheuchen und mit schnellen kleinen Schritten hinter her eilen.

Neben all der Streiterei, gibt es aber auch die so schönen Momente, in denen sich alle drei eine Purzelbaum Strecke und Matratzen-Challenge aufbauen und irgendwie übereinander purzeln, giggeln und gaggeln… oder Till von Fritzi-Ärztin die Beine verbunden bekommt… während seine Nora-Mama geduldig die Hand hält. Mutter und Ärztin vergessen den kleinen Patienten dann allerdings in der Diskussion über die Ursachengeschichte für den Beinbruch. Egal. Die Lütte ist stolz, beide Beine umwickelt zu haben und flitzt zu Elias um ihm sein Aua zu zeigen.
Einen schönen Sommer euch allen und bis bald!
Judith