
Unsere letzte Woche in der Buena Vista Park hat begonnen und wir stecken mitten im Abschied nehmen. Ich habe schöne Abschiedskarten gemacht, die wir nun verschicken, aber auch persönlich vorbeibringen und ein letztes Mal Klassenkameraden, Freunden und Lehrern zuwinken. Das ist schön und macht nun doch alles sehr rund.
Da die Abschiede nun so verteilt und einzeln gefeiert werden, sind sie teilweise sehr berührend. Gerade der Abschied von Noras Kindergarten, der kritischen und liebevollen- aber auch einsamen Direktorin Janet und Noras beiden Erzieherinnen war sehr besonders und persönlich. Wir haben hier einfach sehr liebe Menschen gefunden. Aber es ist auch in Ordnung nun zu gehen. Bzw. ist die Aussicht auf das schöne Haus am Meer gerade genau richtig. Auch wenn wir Cambridge so liebgewonnen haben-hier passiert in den nächsten vier Wochen nicht mehr viel. Wir können hier keine Freunde treffen oder die Stadt erkunden.
Noras Erzieherinnen und die Kindergartenleitung:






Während sich Deutschland langsam wieder öffnet und ich von (fast zu) normalen Alltagssituationen höre- herrscht hier noch der totale lockdown. Alle nehmen es sehr ernst. Wir kennen Familien, die seit 10 Wochen keine anderen Menschen getroffen haben und auch nicht auf die Straße gehen. Seit vier Wochen herrscht nun Maskenpflicht.. Und zwar für alle ab dem zweiten Lebensjahr und überall. Im Park, auf dem Bürgersteig, im Wald… Ich habe ganze Abende damit verbracht mit der Hand aus dem dünnsten T-Shirt Masken für uns alle zu nähen… mittlerweile hab ich auch schon zwei weitere Familien ausgestattet und werde immer schneller… Der soziale Druck ist unbeschreiblich. Dass Cambridge so brav und hörig ist, liegt sicher nicht an 300$ Bußgeld bei Missachtung. Aber ob es nun sinnvoll ist, im Wald mit Maske zu spielen, allein im Park zu sein und sein Gesicht zu bedecken, damit zu joggen… sich dadurch aber ständig ins Gesicht zu greifen (zumindest die Kids)- das darf hier kaum diskutiert werden. Also unsere Hausgemeinschaft und der Emailverteiler unseres Viertels sind sehr erleichtert über striktere Maßnahmen.


Aber um was geht es? Richtige Evidenz haben die Masken ja nicht. Aber es ist wohl eher die Außenwirkung… wir halten zusammen, wir sind sozial, wir zeigen, dass wir verantwortungsvoll sind… alle anderen Maßnahmen wie Händewaschen sind ja so „unsichtbar“. Mittlerweile haben wir uns daran gewöhnt, und ich kann auch die Menschen hinter den Masken wieder lächeln sehen… am Anfang habe ich es unfassbar schwer ausgehalten. Lustigerweise, nehmen einige Menschen die Masken im Gespräch plötzlich ab… Also vielleicht sind ja noch mehr kritisch… nur das sieht man leider auch nicht auf der Straße- hinter den Masken. Jedes Mal ist dieses ganze Thema der hardcore Isolation ein ganz Heikles und ich taste mich höchstens mit Fragen voran, oder schweige. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben vorher erlebt, dass ich mich nicht mehr traue offen und ehrlich zu sagen, was ich denke. Und sogar für den Blog fällt es mir schwer, merke ich. Dabei hab ich gar keine feste Meinung. Weiß doch eben so wenig wie viele andere, was gerade richtig oder falsch ist, aber ich würde gern fragen dürfen.
Aber klar, Fragen stellen immer auch in Frage.
Aber mich bedrückt wirklich was wir uns allen und den Kindern gerade antun. Eine Gesellschaft der Angst und der Isolation? Wie lange geht das? Es wird ernsthaft diskutiert Kindergärten nur dann zu eröffnen, wenn Kindern „Schals“ mit einem Reifen umgehängt werden… so sollen sie social distancing halten! Bitte?

Die Häuser schmücken sich mit „Thank you notes“ und auch „stay at home“ Aufrufe hängen in den Fenstern. Wir finden im Park kleine kindness-stones… die schön bunt angemalt sind und auch Aufschriften tragen : stay safe, be healthy, solidarity, love and peace.
Leere Worte? Sozialer Druck? Oder wirkliche Verbindung und Gemeinsamkeit… es kann sich nach eigener Tagesverfassung so unterschiedlich anfühlen.

Wirklich verbunden allerdings fühlen wir uns mit der Schulgemeinschaft. Und genau diese Verbundenheit lässt uns weiter täglich Hausaufgaben machen und an den Zoom meetings teilnehmen. Der Direktor und die Familienbeauftragte schaffen es in ihren wöchentlichen Emails so persönlich die Anerkennung an uns Eltern zu geben, aber auch darauf hinzuweisen, wie wichtig es für alle Kinder ist, dass die Gruppen nun nicht auseinander brechen. Sie öffnen den sozialen Blick. Und benennen Ungleichheiten und Schwierigkeiten. Neben dem, dass Anerkennung uns allen- also auch uns Eltern so gut tut, trägt mich genau das Gefühl der Gemeinschaft. Und ich muss schon lächeln, wenn ich persönlich vom Direktor lese, wie er seine Kinder zu den Zoom meetings überzeutg oder Hausaufgaben unpädagogisch mit Belohnungen bewirbt. Manchmal hilflos, aber eben menschlich. Und sofort fühle ich: Ach den anderen geht es ähnlich. Und ich mag einfach den Satz: we all do our best.This is what matter. Mehr geht eben auch nicht.
Letzte Woche gab es ein abendliches Eltern-Zoom meeting. Früher waren das die offenen, monatlichen coffee talks am Morgen. Diesmal sollte man seine eigene Teetasse vor den PC mitbringen (die meisten Eltern hatten den Wein). Es gab eine kurze Präsentation zu Stress und Lernstrategien und dann Kleingruppen. Das war so gut, sag ich euch. Und auch wenn nichts davon ganz neu war, danach hab ich wieder Schwung und Ideen bekommen. Aber auch ein schlechtes Gewissen gegenüber Fritzi, wegen eigener Ungeduld, zu wenig Lob etc. Eigentlich wissen wir ja alle, wie wichtig Ruhe und Struktur beim Lernen sind… und doch ist es hier die letzten Wochen genau dazu gekommen, dass Fritzi mitten im Wohnzimmer ihre Hausaufgaben macht. Elias sitzt im Schlafzimmer und hat die Ohren voll mit home office.. und ich jongliere dann drei Kinder, ein zoom meeting von Nora, Mittagessen, Hausaufgaben, volle Windeln, Streit, zweites Frühstück, Technikversagen… Also Stress.
So fliege und hetze ich innerlich und meine Geduld und Ressourcen werden dünn. Tränen und Müdigkeit… Genervtheit und Frustration bei uns allen. Dabei macht sie es eigentlich so gut und mir macht das Erklären und mit ihr lernen auch Spaß. Aber die Umgebung stimmt eben nicht und sie findet es dann nur ungerecht, dass sie die Einzige ist und jüngere Geschwister schon auf dem Balkon mit Wasser spritzen. Till und Nora können aber nicht unsichtbar werden. Sie spielen mal kurz nett zusammen, aber entweder wird es dann sehr laut (hoch im Kurs sind johlende Fangspiele), oder es wird gestritten. Fritzi dagegen ist die Königin der Ablenkung und der Träumerei… also auch Dinge, die sie alleine weitermachen könnte, bleiben unberührt liegen. Sie braucht mich für jedes Wort, jeden kleinsten Schritt…. Klar, sie kann das alles ja noch nicht lesen und dennoch…ahhh. Auch hier hat mich das Elterngespräch sehr milde gestimmt- den Jüngsten fällt es eben am Schwierigsten…je älter sie werden, desto unabhängiger werden die Kids. Einfach ne schwierige Kombination gerade. Ich vermute es wäre leichter, sitzen alle zur gleichen Zeit an Hausaufgaben…aber da schütteln wohl die Eltern mit mehreren Schulkindern innerlich den Kopf- oder?
Warum sollten wir da also nicht alles hinschmeißen und einfach gemütlich gemeinsam durch die Tage treiben? Sie macht doch nächstes Jahr eh nochmal die erste Klasse. Aber das ist es eben nicht. Es geht mir auch nicht um Lernziele, sondern eben darum, dass sie noch Teil ihrer Gruppe bleibt. Und sie ist so mittendrin in der Gemeinschaft… Und auch den Lehrerinnen, die hier einfach Unbeschreibliches leisten, fühle ich mich verpflichtet. Mittlerweile werden sie immer professioneller und sie scheinen gut vernetzt zu sein, denn wir bekommen immer mehr neue Gesichter in den Filmen zu sehen. Und ganz ehrlich- ich versteh und lern richtig viel mit. Klickt doch mal auf die foundation videos…oder mathe…So tolle Ideen, wie man erklären kann. Hier unsere täglichen Hausaufgaben: vielleicht interessiert es ja einen von euch Schulkind Eltern oder Pädagogen: Hausaufgaben
Wirklich, diese täglichen meetings und emails… lassen die Lehrer so vertraut für uns werden. Fritzi ist voll dabei und ich bin beeindruckt, was die Kids zusammen so hinbekommen… aber auch, dass gemeinsame Spielen via zoom funktioniert. Wir hören Fritzi ganz viel kichern und lachen (wir haben den Hinweis bekommen, die Kids zum Zoom allein in ihrem Klassenveband und dadurch eine Schulsituation (ohne elterliche Ohren und Kommentare) entstehen zu lassen. So sitzt sie für die halbe Stunde in Elias Büro- unserem Schlafzimmer.

Und Fritzi blüht richtig auf. Ihre Gehirnzellen ploppen nur so und es ist eine Freude ihr dabei zusehen zu dürfen. Und sie ist selbst so stolz und eben richtig dabei. Also Schule ja- nur wie?!
Es ist eine Gradwanderung und ich muss immer wieder eigenen Perfektionismus und Leistungsdruck wahrnehmen und rausnehmen… da hilft eben das Gefühl mit anderen vernetzt zu sein. Und sich auch als Eltern zur Schule und der Gemeinschaft zugehörig zu fühlen. Wir nehmen hier viele Ideen mit wie Kindergarten und Schule laufen kann (nicht nur im lockdown). Hoffentlich gelingt es uns sie zu versprühen und die Begeisterung zu verbreiten und nicht nur zu Nörglern und Kritikern zu werden.
Aber warum gelingt es unserem Kindergarten zu Hause? Ein Fensterbesuch oder Telefonat wäre manchmal schon so viel wert.

Sie ist so stolz auf ihre Schulsachen
Neben dem Hausaufgabenalltag am Vormittag verbringen wir unsere Nachmittage mit Aria im back yard oder mit der Familie von Eva -mit ihnen machen wir schöne Radtouren oder erkunden fernere Parks. Und an den Wochenenden dann schöne daytrips mit einer der beiden Familien und auch schon einige Hausdinner im Garten. Endlich ist es warm.
In den ferneren Parks (das ist dann nicht mehr Cambridge) dürfen die Masken endlich abgenommen werden.













Daneben wird schon etwas geputzt, die erste Tasche mit Wintersachen und Kleidern ist gepackt und wird (inshallah) erst wieder in Wiesbaden in sechs Wochen geöffnet. So kommt auch etwas Ordnung in die Wohnung. Allerdings kann ich immer noch nicht abschätzen, ob wir nun mit unseren fünf Gepäckstücken hinkommen. Irgendwie legt man sich doch so einigen Kram zu. Und unser Brottopf muss mit! Auch wenn er vier Kilo wiegt!
Wir versuchen einigen stuff zu verkaufen und stoßen großzügig ab… aber der Markt ist gerade nicht gut… es kommen keine neuen Studenten, Mitarbeiter, Stipendiaten nach Harvard… Die nächste Generation soll alles online machen. Aber da brauchen sie dann keine Kindersitze, Fahrräder oder Matratzen.

Die Zeit des Abschieds also. Was ich am meisten vermissen werde? Die Bäume. Diese riesigen und schönen Bäume. Welch Vielfalt. In jeder Straße, aber gerade auch in den Parks. Die Blumen und die Gärten. Hier ist alles so voll und gesund. Die Natur so in ihrem Saft. Alles so weit und frei. Ich werde die Vögel vermissen und die Tiere in unserer Nachbarschaft. Täglich sehen wir Häschen, Turkeys, heute einen Babywaschbären und eben überall so viele wunderschöne Vögel (rote scarlet tanager, bluebirds und viele american robins!).
Gerade schlafen die Mädels auf dem Balkon. Schön unter dem freien Himmel.
Till spricht immer mehr und wird so lustig und eindeutig frech. Neues Lieblingsspiel: Dinge vom Balkon werfen. Dann kommt er angeflitzt und zieht mich mit sich. Sagt oh-oh und ba, ba (ball) …und dann gucken wir gemeinsam ins Blumenbeet und finden mit Sicherheit einen bunten Ball da liegen. Oh oh.
Ja? Fragt er dann.
Nein, Till nicht noch einen Ball werfen.
Ja?
Nein!
Und schwupp ist der Ball unten: oh oh.