isolation

If you don´t like the weather, wait a minute. Und wie dieser Satz zutrifft. Ja, hier ist richtig April.
Auch beruhigend, dass es irgendwo noch regnet und sogar mal schneit im April… eure Sommerbilder berichten da anderes. Aber so viel Regen???

der gerettete Blütenbaum

Vorgestern bin ich tatsächlich mit Besen bewaffnet um sieben in der Früh unter den Blütenbäumen gestanden und habe sie von schwerem und nassen Schnee befreit… und wurde selbst furchtbar nass. Schnee- erinnert ihr euch an das Körpergefühl?
Am nächsten Tag dann wieder Sonne und gleich 15 Grad. Der Frühling bricht durch, die Bäume grünen und in den Gärten stehen riesige Tulpen (natürlich sind sie riesig!) und so leuchtend. Die Vorgärten hier sind wirklich eine Pracht der Farben.
Wir machen Radtouren und beklettern tolle Felsen in einem gigantischen Park. Fühlt sich alles fast nach Urlaub an, oder?
Ja, manchmal.

social distancing
window talk

Ansonsten leben wir nun seit fünf Wochen mit home schooling. Die Universität ist geschlossen, sowie Restaurants, Geschäfte… der gleiche lockdown wie bei euch. Vor dem Supermarkt steht man Schlange… immer six feed distance. Zwei Wochen waren wir tatsächlich sehr isoliert. Dann kam die Familie unter uns zurück und nach einer Woche Quarantäne dürfen die Kinder wieder mit Aria spielen. Aber die Quarantäne wurde sehr streng eingehalten: unsere Nachbarn wollten aus Vorsicht nicht die gleiche Tür wie wir benutzen, waren selbst nicht einkaufen, wollten nicht die Waschmaschine teilen… Auch Irene und Yajun von oben, haben sich für noch strengere Isolation entschieden und sich alle Kontakte mit uns verboten. So schade. Die Kinder dürfen nicht mehr hoch. Aber wir schreiben uns jetzt Botschaften. Aber ist das alles nicht Wahnsinn? Was tun wir uns an? Wo hört Vernunft auf und wo fängt Verantwortung an- oder andersrum?

der Supervirus überlebt hier drei Tage in der Sonne auf eienr Parkbank!

Mit Tom und Ying unten werden wir nicht so ganz warm. Etwas fühlt es sich an, als wären die Eltern (sie sind ja die Wohnungsbesitzer unten und ältesten Hausbewohner) zurück gekommen… davor waren wir irgendwie freier im Garten- mit der spanischen Familie etwas gleichgesinnter. So bricht mir der back yard als Aufenthaltsort weg- es fühlt sich so an, als würden wir auf ihrer Terrasse spielen. Zunehmend nutzen wir wieder den Balkon… aber eben nicht im strömenden Regen und schattig ist er auch! Fritzi und Nora lieben aber Aria und ihre Prinzessinenkleider, die gerade durchgehend getragen werden (Fritzi viel zu kurz, Nora viel zu eng).
Ich komm gerade etwas an neue Gefühle und muss Wege eines guten Umgangs mit ihnen finden. Die Mädels lassen uns nämlich ganz schön für Aria hängen. Sie wollen ständig unten sein und wenn ich sie zum Essen hole, muss ich jedes Mal betteln, ermahnen, in Dauerschleife diskutieren, sie aus Verstecken zerren… Bin ich eifersüchtig? Vorherige Absprachen sind dahin… auch wird unten geglotzt, Süßen gegessen, ich komm irgendwie nicht an sie ran… gerade diese Diskutiererei und die Rolle der ständigen Spaßverderberin nerven mich. Fritzi kommt zwar auch mal in Gewissenskonflikte und kann sich dann mit rührenden Briefen entschuldigen, aber am nächsten Mittag steh ich garantiert wieder in der Wohnung und mache uns allen schlechte Laune- und dabei wollt ich nur zum Mittagessen holen. Das eigentliche Ding ist wohl (und ich trau es mich fast nicht zu denken- geschweige euch allen zu schreiben), dass ich Aria nicht mag. So nervt mich ihre belehrende Besserwisserei, ihr Tippeln und Rumhampeln, ständiges Bestimmen, Fordern und Dazwischenquatschen, ihre Hysterie mit Piepstimme und dass die Till immerzu ausschließt (uff, jetzt ist es raus!).
Dennoch will ich den Kindern den Kontakt ja nicht verwehren und es ist insgesamt eine schöne Situation, dass sie sich im ganzen Haus so wohl fühlen und hoch und runter sausen. Auch ist es eben die Gelegenheit für uns alle englisch zu sprechen. Es könnte entlastend sein, hätte ich nicht den traurigen Till, der seine Schwestern vermisst und immer hinterher will.

stundenlanges Händewaschen

Nora hat radeln gelernt und ich das Joggen begonnen… das sind schöne gemeinsame Morgentouren… Bald kann sie auch sicher bremsen, dann kann ich mit allen drei Kindern allein Radtouren unternehmen.
Denn Elias muss ja arbeiten. Der Schreibtisch ist ins Schlafzimmer getragen- die einzige Tür, die man zumachen kann und er hat gerade so viel zu tun, wie das ganze letzte halbe Jahr nicht. Mit den Mannheimer Kollegen werden tägliche Umfragen ausgewertet und sie haben ständige Abgabefristen. Natürlich wird Corona beforscht. Welche Einstellung haben die Menschen zu den politischen Reformen? Wie verändern sich diese? Wie bedroht fühlt man sich durch den Virus? Wie sehr durch die Folgen? Wer ist überhaupt im home office und tatsächlich wie viele? Welche Ungleichheiten bringt uns das alles… und da ist noch nicht der Blick über den nationalen Tellerrand genommen…
Ich lass mich heute mal nicht über meine Sorgen bezüglich des Lockdowns aus… dazu gibt es gute andere Texte.

fleißiges Schulkind

Ich erzähl euch lieber von meinem Alltag. Ja, Schule läuft hier weiter. Nicht im Gebäude, aber wir sind täglich mit der Lehrerin in Kontakt. Ich bekomme abends emails mit dem Stoff für den nächsten Tag. Dann male/ bastel ich brav Linienpapier und bereite vor. Drei Stunden sind angesetzt… (nicht für mich- sondern für die First grade students). Das schaffen wir nie. Mit Nora und Till im gleichen Raum ist es ungemein schwer Fritzis Konzentration/ Motivation zu halten… drei Stunden find ich auch zu viel und ich sortiere etwas aus. Aber wir sollen Bilder von den Hausaufgaben zurücksenden… und bekommen dann auch wiederum so persönliche und wertschätzende Antworten… also ein reger Austausch und viel Zeit für alle. Ich muss mich manchmal von eigenem Leistungsdruck und Perfektionismus frei machen… Was ist machbar? Was ist wirklich erwartet? Am wichtigsten ja das Interesse und die Lust am Lernen zu erhalten. Und eigentlich lernt Fritzi gern… gerade Mathe macht sie so toll und es ist auch schön für mich zu erleben, wie so Gedankenblitze zucken und sich manche Knoten lösen… Zahlenräume wirklich begreifbar werden. Da bekommen wir tolle Ideen und Hilfen von er Schule. Es gibt auch kleine Filme und links… viele selbstgedreht. Uns wurde schon ein Bilderbuch vorgelesen, vorgesungen und wir zum Mitsingen oder Yoga angeleitet… aber vor allem bekommen wir Mathe erklärt. Natürlich liebt Fritzi die Filme… manche sind auch großartig. Mich allerdings strengt es sehr an, sobald Till das Handy in einer Hand entdeckt, möchte er auch…
Die täglichen zoom-meetings haben wir mittlerweile in Elias Arbeitszimmer verlegt, da dann Till nicht Knöpfe drücken kann oder die Mädchen sich um den Platzt vor der Kamera streiten… und im Besten Fall verlässt mich nämlich auch die Technik und die Kamera geht dann nicht…Ahhh… also durchaus Konfliktpotential und echt anstrengende Momente! Diese Technik und screenzeit sind zweierlei!

Auch Nora hat ihre täglichen zoom meetings. Mittlerweile auch one to one. Das sind eigentlich die Schönsten- auch nur zehn Minuten. Aber danach ist sie voller Bilder, Aufregung und Liebe für ihre Erzieherinnen… Sie zeigen sich kleine Zaubertricks… spielen float or sink? (Was passiert, wenn ich einen Löffel in die Wasserschüssel lege? Ein Stück Holz? Eine Feder?…)
Und dennoch es bleiben Termine (es klingelt der Wecker dafür) und sie zerstören so manches freies Spiel. Noras meetings schwänzen wir manchmal oder vergessen sie. Bei der Schule sind wir etwas braver.
Der Kindergarten bietet auch noch Yoga(-live oder zum download), Storyhour, singalong… an. Ich komm gar nicht hinterher alles zu nutzen. Aber das mag bei den Familien mit nur einem Kind anders sein. Die Ansprüche der Eltern sicher sehr divers.
Aber auch der Austausch über die Technik und die kritische Diskussion darüber ist gegeben. Wir schreiben uns nun immer mit einer Erzieherin Briefe, sie bringt uns Puzzles und Nora radelt ihr Schokokugeln vorbei.

Das Schulsystem beeindruckt mich weiterhin an Professionalität, Verantwortungsgefühl und dem komplexen Umgang mit den Herausforderungen. Wir bekommen von Schule und auch von dem gesamten Schuldistrikt regelmäßige emails- transparent und persönlich. Weiß jemand von euch, wer in eurem jeweiligen Schuldistrikt der/die Verantwortliche ist? Nicht? Also hier steht da jemand mit Name und schickt sogar eine Video-botschaft. Spricht Lehrer, Eltern, Schülerschaft persönlich an, bedankt sich… erklärt und schickt Ein ums andere Mal Hilfsangebote und Kontaktstellen. Für die unter euch, die Zeit und Interesse haben: hier unser Superintendent Salim. Erste Aktion war es die Essensversorgung aufrecht zu erhalten und vielen Familien Zugang zu Breakfast und Lunchpaketen zu ermöglichen. Weiter wurden mehr als 2,5 Tausend Computer verteilt und und und

Oder ist dieser Film der Sportlehrer der verschiedenen Schulen nicht nett? Klar amerikanischer Lokalpatriothismus… aber Fritzi hat sich so gefreut ihre Lehrerin zu entdecken… bei mir wirkt es zumindest! (ich bin voll beeinflussbar!).

Das Straßenbild ist hier ansonsten sehr von Masken aller Formen und Farben geprägt. Außer zum Einkaufen weigern wir uns gerade aber noch sie zu tragen, was uns nun auch schon Anmahnungen eingebracht hat. Der Mensch nimmt sich gegenseitig als Bedrohung war. Die nicht-Träger lächeln sich wiederum gegenseitig aufmunternd zu… Besonders absurd ist es im Wald. Manchmal begegnet man hier zwar anderen Spaziergängern, aber da springt der Virus eigentlich ja nicht vom Baum… und der vorgegebene Abstand lässt sich leicht halten. Dennoch werden Masken angelegt, Handschuhe getragen und ungeduldig im Unterholz gewartet, bis ich mit Klein Till vorbeigelaufen bin… jetzt bloß kein Stöckchen aufheben oder in die falsche Richtung weglaufen!
Hier ein paar Vorschläge eines neuen Maskendesigns:
Till zieht sich am liebsten gleich ein Küchentuch über den Kopf und spielt verstecken. Ganz still steht er da und bewegt sich nicht.

könnt ihr ahnen wie enorm grün diese Eier gefärbt worden sind?

Zum Glück hat uns der Osterhase auch in Amerika gefunden. Schon abends hatte eine Nachbarin bunte Plastikeier im Garten versteckt, die dann mit Schoko gefüllt waren und leider auch von den Squirrls (Eichhörnchen) geöffnet und angeknabbert wurden… Die drei Girls waren ziemlich effektiv bei der Suche und darin die Eier auf zu teilen. Aktion nach drei Minuten beendet.
Dafür war unser Tagesausflug in ein Naturschutzgebiet ein Traum. Wir treffen uns gerade noch mit einer anderen Familie- den Stuttgartern Eva und Stefan und ihren drei Kindern (Johanna 11, Emil 9 und Frieder 6) und mit ihnen haben wir den ganzen Tag draußen verbracht. Die Kinder spielen so wunderbar zusammen, wie ich das selten erlebt habe- trotz des Altersunterschied oder gerade wegen? Tatsächlich in verschiedenen Konstellationen und immer wieder wechselnd. Und auch Till immer irgendwie dabei. Die elfjährige Johanna kann ihn sicher überall hinschleppen… Kaum sind wir Eltern an irgendeiner Ecke quatschend stehen geblieben, wurden Feuerplätze erschaffen, ganze Waldhäuser auf dem Boden eingezeichnet, fleißig Moos gesammelt, Stöcke herbeigeschafft und Stämme gerollt… Klassenzimmer eingerichtet etc.
Und natürlich haben wir dann im Wald auch Eier gesucht. Nach einem Bilderbuch Picknick…Eva backt nämlich auch selbst Brot und so übertrumpfen sich gerade die beiden Bäcker mit Leckereien. Elias bringt den Hefezopf, Eva die Zimtschnecken, Elias das Walnusbrot, Eva die Baguette…
Diese Familie ist für uns hier ein Geschenk. Auch für uns Eltern so guter Austausch, Gemeinsamkeit und Inspiration.

Till sagt so herrlich und aus ganzem Herzen: Ja!
Ansonsten redet er ja nicht viel mit Worten, zeigt und brabbelt einfach in Phantasiesprache… kommunikativ ist er durchaus… aber ohne bekannte Worte. Aber ein Ja-Sager ist er nicht…eher ein kleiner Wüterich und Zornling! Wenn wir das Richtige nämlich doch nicht erraten, dann wirft er Gabeln (die zielsicher spritzend in der Vanillesoße landen) oder er wirft sich selbst nach hinten (auch vom Hochstuhl… also ständige Obacht, liebe Mutter!)
Gestern Morgen hat ihn z.B wütend gemacht, dass zwischen seiner Schlafanzughose und seinen Schuhen die nackige Haut der Waden zu sehen war… sobald er saß. So hat er wütend an der Hose gezogen. Ich also leise ins Zimmer geschlichen, um keinen der Langschläfer zu wecken- Socken und auch eine Strumpfhose geholt. Socken waren natürlich so doof, dass erstmal Schuhe und Strümpfe vom Sofa gepfeffert wurden… Strumpfhose dann die Wahl. Aber dass man dafür erst die Hose ausziehen muss? Nein das dann doch nicht! Ah, welch Zwickmühle. Und wach waren dann auch alle.

Aria fürchtet sich schon etwas vor Till und will deshalb nicht zum Spielen kommen. Und tatsächlich kratzt und beißt er auch mal… aber meist eben berechenbar.
Ansonsten finden wir ihn nämlich alle sooooo süß! Gerade wenn er beflissen mitspielt und mit großem Rucksack „Schulkind“ ist, oder selbst im Puppenbuggy sitzt und von einer seiner Spielmütter durch die Wohnung geschoben wird… oder als Papa die Puppe in der Trage trägt…
er beantwortet die Frage nach seiner Rolle einfach mit einem überzeugten : Ja

Und wie geht’s nun weiter?
Da man in Massachusetts aktuell keine short term Ferienwohnungen buchen kann (stay at home!) sind uns kurze Urlaube nicht möglich. Richtige Reisen, die wir ja am Ende unserer Zeit vorhatten sind natürlich auch undenkbar. Um aber doch etwas gestalterisch und wirksam zu sein und da wir hier gerade nicht sehr optimistisch bezüglich Normalität und Schulöffnung sind, haben wir uns nun mit den Stuttgartern für vier Wochen ein Haus am Meer gemietet. Den ganzen Juni. Sobald man länger als 31 Tage bucht, geht das nämlich – eben kein short term Urlaub. Super dekadent und unverschämt teuer… aber es fühlt sich gut an, das Jahr nun damit zu beenden.
So geht unsere Cambridge Zeit nun schon in sechs Wochen zu Ende. So viele kleine und große Träume sind zerplatzt… wirkliche Luxusjammerei- aber schade eben doch. Gerade um die netten Kontakte in Kindergarten, Schule, Uni…  da wär im Frühling vieles schön gewesen. Nun ist das ein seltsamer Abschied. Besonders für die Kinder- von Schule und Kindergarten. Ohne einen „letzten Tag“.

Ich beginne alles zu fotografieren, was verkauft werden soll, packe die erste Kiste, die wir schon mal vorschicken…
Wir fliegen direkt aus dem Urlaubshaus nach Deutschland zurück- zwei Wochen früher als der ursprüngliche Plan. Auch fliegen wir nach München, um dort bei meiner Mama (mit Garten) in Quarantäne zu gehen… so können wir anschließend ganz Wiesbaden umarmen, wenn wir (wie geplant am 15 Juli) in unser altes Leben zurücktauchen.

Ui, lang geworden heut.
Peace.
Judith

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