Hallo ihr da drüben im plötzlich so fernen Europa. Die gefühlten Distanzen werden groß, wenn plötzlich alle schnellen und unkomplizierten Reisemöglichkeiten wegfallen. Auch mal eine Erfahrung. Ich versuche mir vorzustellen wie das vor hundert Jahren war. Auswandern. Aber da gab es ja noch nicht mal die täglichen Telefonate, skype und emailkontakte… also so weit sind wir doch nicht weg.

und bessere Zeiten?
Ja der Virus. Der bestimmt hier alles – wie bei euch ja auch. Nun wohl auch diesen Blogeintrag.
Jetzt haben die USA den Rest der Welt abgehängt – war ja klar… hier ist doch immer alles größer! Wir bekommen sorgenvolle Emails von einigen und es werden uns mögliche Unterkünfte in Deutschland organisiert… das ist sehr nett. Aber wir bleiben und fühlen uns hier (in unserer Blase) sehr sicher und wohl. Kurz haben wir geschluckt, als uns auch das Konsulat in Boston angeschrieben hat. Aber die Ausreiseempfehlung richtet sich mehr an Touristen und weniger an uns. Sie empfehlen eben die persönliche Abwägung der hiesigen Situation und der in Deutschland – denn in einigen Tagen könnte es keine Flüge mehr geben – auf unbestimmte Zeit.
Für uns gibt es keinen Grund zur überstürzten Abreise. Wir haben eine Krankenversicherung die sogar den Pandemiefall abdeckt – ja ihr lest richtig… das ist nämlich keine Selbstverständlichkeit. Das fiese Kleingedruckte in den Verträgen.
Überhaupt. Was das alles für so viele Menschen bedeutet!? Da wird einem im großen Amerika- ohne gutes Sozialsystem wirklich schlecht. Als große Errungenschaft wird hier gerade eine zweiwöchige Lohnfortzahlung bei Krankheit gefeiert – damit die Leute wirklich zu Hause bleiben, wenn sie Symptome zeigen… da kann ich bei der Gewöhnung an den deutschen Wohlfahrtsstaat nur staunen.
Unsere „Einschränkungen“ sind da fast peinlich und eben nur eine kleine Beschränkung unserer Luxusgüter. Dennoch macht es was mit mir und ich staune und beobachte mich selbst, wie sich meine Wahrnehmung verändert. Was ich als Hysterie wahrnahm, erscheint mir nun sinnvoll. Oder bin ich angesteckt? Wo ich mich erst über ökologische Verbesserungen und minimalen Flugverkehr, saubere Luft etc. ausschließlich gefreut habe (und das tu ich natürlich immer noch) …sehe ich nun auch die unfassbar hohen finanziellen, wirtschaftlichen, psychischen, sozialen, kulturellen Kosten… was macht das alles mit uns? Natürlich ist nicht jeder Verzicht ein Verlust, aber für viele Menschen ist es dramatisch.
All die Existenzen die gerade crashen? Selbständige, Künstler… Was passiert vor unseren europäischen Grenzen? Und ja auch die Wut: warum waren wir als Gesellschaft nicht bereit für die Zukunft, die Lebendbedingungen der Menschen (in anderen Ländern!), also den Klimawandel nur ein kleines bisschen von all den Maßnahmen und dem Geld zu investieren?!
Alles konnte schön weggeschoben werden.
Ok. Ich benutz euch nicht als Gedankenmülleimer… aber Gefühle und Gedanken (manche sehr ketzerische) sprudeln und gehen durcheinander.

Wie sieht unser Leben hier gerade aus?
Elias bekommt weiter sein Geld. So sind wir mal wieder wirklich privilegiert. Der Harvard Campus wurde vor drei Wochen als erstes geräumt. Alle Studenten innerhalb eines Wochenendes nach Hause (in die Welt) geschickt… die meisten von ihnen leben ja auf dem Campus- also ein komplizierter Akt. Lehre läuft online und alle andern hängen im homeoffice. Die Straßen sind gespenstisch leer, Geschäfte und Restaurants geschlossen Es fühlt sich ständig nach Sonntag an. Der Abstand zwischen den Menschen wird zumindest hier in Cambridge penibel eingehalten. Wenn ich mit den drei Kindern den Bürgersteig entlangkomme, wechseln die anderen Fußgänger die Straßenseite oder gehen zumindest um Autos rum. Manche fast verschämt, manche fröhlich winkend, manche fast vorwurfsvoll…. diese Virenschleudern! Zunehmend mehr Menschen im Straßenbild tragen Mundschutz- selbst allein im Auto.
Auch Schule und Kindergarten sind nun seit zwei Wochen geschlossen. Raus darf man nur zum Einkaufen und zum Arzt und auch zum Spazieren gehen oder Sport machen. Aber Spielplätze sind verboten, überall mahnen einen Schilder zur Einhaltung der social distance (scheußliches Wort!) oder leuchten Plakate avoid touching your face… remember to clean your hands often a day … stay home…
Wir sind also gerade entschleunigt und isolieren uns brav. Kontakt haben wir nur noch im Haus. Die erste Woche waren die Spanier unten noch da… dann ist auch diese Familie von einem Tag auf den anderen abgereist. Wir vermissen die Kinder und auch die netten Eltern. Das war sehr schön mit ihnen (Abschiedsfotos unten). Nun belagern wir abends für eine Stunde die beiden Frauen über uns! Alle drei Kinder lieben Irene und Yajun und sie stürmen die Treppe hoch… plötzlich höre ich polternde Schritte von oben und schallendes Lachen aus der sonst so stillen Wohnung. Ich genieße die Stunde Ruhe – und schreibe nun an euch.






Wir vermissen andere Familien und Kinder. Aber alle nehmen das hier sehr ernst und auch wir haben das nun so mit den Mädchen besprochen. Und irgendwie scheinen sie sich auch damit abgefunden zu haben… es bringt neue und auch schöne Familienaugenblicke und schwesterlichen Zusammenhalt.
Gestern beim Spaziergang kam es allerdings aus Noras tiefster Seele:
„I don´t like the virus“.
Die Schule ist mindestens noch bis Mitte Mai geschlossen – auch wenn Trump Anderes verlauten lässt – hier in Massachusetts geht niemand davon aus, dass sich nach Ostern die Situation verändert.
Im Eiltempo hatten sich die Lehrer aller Jahrgangsstufen abends vor dem letzten Schultag getroffen und Material für die ersten zwei Wochen zusammengestellt. Ab Jahrgangsstufe drei wurde jedes Kind mit einem Computer ausgestattet. Fritzi kam mit einem Stapel Bilderbüchern und vielen Arbeitsblättern nach Hause. Wir bekommen wöchentliche Anrufe der Lehrerin und Fritzi verzieht sich dann und spricht via face time mit ihr. Schön. Ich habe das Gefühl sie tragen alle weiter die Verantwortung für die Kinder. Mal wieder: die Kommunikation und der Austausch sind beeindruckend. Auch die Schule/ und die Schulbehörde informieren uns so transparent… auch über die Sorgen, die Schwerpunkte, die sie versuchen zu setzten… wir fühlen uns einmal mehr mit der Schulgemeinschaft verbunden. Die erste Maßnahme war die Organisation von Breakfast und lunch-paketen. Die Schule sieht sich eben nicht nur Bildungseinrichtung, sondern auch für viele Familie al ein nötiger Essenslieferant. Gutscheine für Lebensmittelläden werden umverteilt.
Einmal die Woche trefft sich Fritzis Klasse zum zoom- meeting.
Auch Noras Kindergarten ist sehr um Kontaktaufrechterhaltung bemüht. Täglich haben wir da nun in Kleingruppen virtuelle Treffen und sitzen alle ne halbe Stunde vor dem PC, winken uns, hampeln herum, zeigen Lieblingsspielzeug oder pflanzen Samen. Was ich davon halten soll? Mich strengt es irgendwie an. Gerade mit Till, der ständig irgendwelche Knöpfe drücken will. Aber ganz alleine lassen, will ich Nora auch nicht. Fritzi will natürlich dabei sein und wenn sie sich dann nicht um den Platz vor der Kamera streiten, verlässt mich die Technik und wir fliegen vier mal während so nem blöden meeting raus oder hören die gesungenen Lieder nur zerhackt. Und dennoch. Es ist auch schön, dass es all den vertrauten Gesichtern da ähnlich geht und irgendwie entsteht trotzdem etwas von Nähe.
Die Eltern tauschen Beschäftigungsideen aus. Ständig bekomme ich Tipps und links zu irgendwelchen sing along oder Kunstprojekten. Viel Handy oder Computerfilmchen sind dabei. Manches mag schön sein (auch mit anschließenden Aktivitätsideen…) mir macht das komischerweise trotzdem Druck… Was soll ich ihnen alles bieten? Könnten wir die Zeit nicht besser nutzen? Sobald das Handy mal gezückt ist, entdecken sie hier noch ein Filmchen und dort noch ein dringendes Youtube- Video…. Oder nein, doch das andere… das vorher wollt ich doch gar nicht… und plötzlich sind wir alle unzufrieden.

Also doch wieder Papier, Schere und einfach spielen lassen… Vor unserer Tür standen ganz viele Puzzles… (von Noras Erzieherin!). Und ich hab tatsächlich auch eigene Ideen. Gefilzt haben wir schon, Eier gemalt, Pfannekuchen gebacken, Samen gepflanzt, Briefe geschrieben… leider ist vieles eben mit Till nicht möglich und kann nur in seiner Schlafzeit gemacht werden. Wenn ich da dann nicht koche oder versuche die Oberhand im Chaos zu behalten… Ahhh! Hoffentlich wird das Wetter bald wieder besser. Dann radeln wir wieder oder laufen durch die Straßen, spielen im mini backyard mit Erde… Sonne im Gesicht. Gerade aber viele Regentage.
Nach der ersten Woche meinte Elias noch zu mir: „wir können ja am Wochenende mal ganz gemütlich einen Tag zu Hause bleiben und gemeinsam aufräumen.“ Ha! Ich wär ihm fast ins Gesicht gesprungen. Mach ich den ganzen Tag doch nix anderes als ganz gemütlich zu Hause zu bleiben…
Aber in der ersten Woche ist Elias auch noch (heimlich und illegal) in sein Büro gefahren. Das wurde nun auch untersagt. Jetzt stehen ganze Unigebäude leer und wir jonglieren zu Hause die Vereinbarkeit von homeoffice (ganz gemütlich zu hause!), Hausaufgaben machen und Geschwister beschäftigen… Fritzi ist die Königin der Ablenkung!
Dabei macht sie die Aufgaben gern. Nora war tatsächlich erst sauer, dass sie selbst keine hatte… so haben wir pling* angeblich per mail auch Hausaufgaben für sie erhalten. Die macht Fritzi dann allerdings lieber als die echten, eigenen… auch gut.
Wir sind an den Wochenenden dann nicht zu Hause geblieben, sondern haben nochmal schöne Ausflüge an den Strand, in Wälder… mitten ins nowhere unternommen. Mit viel social distance! – mal sehen wie lang sie uns hier noch lassen!
Vor zwei Wochen noch mit einer anderen Familie, letztes Wochenende mit unseren Mitbewohnerinnen von oben und gestern allein…
Schön war´s immer.















Wir erwarten nächste Woche unsere alten Nachbarn zurück (Tom, Ying und Aria). Diese Familie hatte das besondere Glück den Ausbruch der Pandemie gleich auf zwei Kontinenten zu erleben. Erst Januar in China (Beijing) und dann ab Ende Februar in San Francisco. Nun kommen sie ermüdet nach Hause. Die erste Woche halten wir alle brav Abstand… dann dürfen die Kids wieder spielen!
Das Corona Virus ist uns allerdings nun doch recht nah gerückt. Mein Papa wurde positiv getestet. Nach wirklich bedenklichen Tagen (ohne Krankenhaus) geht es ihm besser. Aber wir bangen nun um weiter Ansteckungen und Übertragungen. Und alle Gedankenkarusselle bringen mich nicht weiter, lassen sich aber auch nicht ganz stoppen.
Die Entscheidung zu Bleiben fühlt sich weiter richtig an. Irgendwie würde eine überstürzte Abreise die Zeit hier so blöd beenden und auch die Kinder unnötig verschrecken. Zudem… wer soll all unsere Lebensmittel und Vorräte essen? Nein, wir haben nicht gehamstert…wo denkt ihr hin. Aber wir haben von vier Familien die „Reste“ übernommen. Denn um uns herum wird tatsächlich im Flug abgereist. Aus den verschiedensten Gründen werden schnell die Koffer gepackt, Flüge gebucht… Unser Keller steht nun voller Räder, die wir verkaufen sollen, ich habe Schlüssel zu Wohnungen, wo noch Sofas abgeholt werden müssen…und unser Kühlschrank quillt über. Spannend, was die Menschen so für Lebensmittel haben.
Zum Glück haben wir auch Klopapier „geerbt“, das ist uns nämlich gerade ausgegangen und wird genau wie Mehl weggehamstert.








So und nun zum Schluss mein Lieblingsnora Ausdruck: „Du bist eine rummelige Mama“.
Als Erklärung: „keine schicke lady. Eben gemütlich und rummelig.“
Alles Gute euch allen,
Judith