Springtime

Ja, der Frühling bricht hier durch! Viel zu warm und viel zu früh und dennoch einfach prächtig und wunderschön. Wir haben stundenlang den Garten vor und hinter dem Haus aufgeräumt und mit schmutzigen Erdhänden Laub und Stöcke eingesammelt.

Nun freuen wir uns über die unzähligen snowdrops, crocus and tulips, die ihre Blätter schon durch die Erde stecken. Nur die Eichhörnchen werden nun nicht mehr geliebt, denn sie buddeln die Blumenzwiebeln aus und kleine wild hoppelnde Häschen knabbern an den Blättern. Nora würde am liebsten „Steine werfen“- das verhindere ich mal lieber. Aber hysterische Schrei vom Fenster gehören nun zum Alltag.

Unsere Wochenstart wird uns montags immer von der Müllabfuhr versüßt. Sobald wir einen Truck in der Straße hören, stürmen alle los, springen auf´s Sofa am Fenster und Till winkt aufgeregt „Halla“. Da die Jungs all unseren Gartenabfall mitgenommen haben, sind Fritzi und Nora vor Dankbarkeit am Fenster geschmolzen und nun sind wir dabei „Thank you-Pakete zu packen“ Schokolade soll rein und Nora würde gern das ein oder andere aus unserem Hausstand dazu packen- nicht immer durchdacht. Motiviert sind die Pakete auch von Fritzis März-Hausaufgabenblatt „write a thank you note“. Schöne Idee. So wird einem der Sinn des Schreibens doch nahegebracht.

Vor dem explodierenden Frühling waren wir im Februar aber nochmal richtig im Winterurlaub. Mit Neuschnee, zugefrorenen Seen, Bergbesteigung und anschließender Schlittenfahrt. Wir Erwachsenen waren auch sehr begeistert am Iglu bauen… wollten gar nicht aufhören. Mit uns in dem großen Ferienhaus waren in wechselnder Besetzung andere Familien und Kollegen von Elias. Schön, war das… die kleinen Mädchen haben ihre Liebe zu den großen Jungs (12/13) aus Schweden entdeckt, die echt lustig mit ihnen gespielt haben. Und alles auf Englisch.
Nach dem Schnee- vier durchweichte Kinder in der Badewanne aufwärmen… und abends Bier und Wein für die Großen… auch Tischtennismatsch unten im Keller. Das Haus ein echtes Anwesen und sehr altmodisch eingerichtet… eine kleine Zeitreise. Und wie alles hier: riesig! So viel Platz.

was soll man mit so einer Fahne nur tun…

Seltsam auf dem Land waren allerdings die Leute. Zwar haben wir einen Bioladen aus dem Bilderbuch gefunden, aber auch die dicken Autos mit Trump 2020 Aufklebern. Neben uns auf dem See oder durch die schönste Winteridylle den Berg hoch, sind dicke Männer und dicke Frauen in stinkenden und lauten snowmobiles gejagt und haben etwas an der Atmosphäre gekratzt. Auch ein komisches Gefühl, wenn die Eishütten auf dem See mit hässlichen USA Fahnen und Trump beflaggt sind. Ich bekomme sofort Vandalismus Gedanken (und merke aufs Neue, dass unser Cambridge hier eine Blase ist- aber es gibt diesen Kerl ja wirklich.)

…ob sie in den Ofen gehört?

In unserer Nachbarschaft sind nur Warren und Bernie Aufsteller in den Gärten. Alle sind sich politisch sehr einig.
Ja die Vorwahl. Den super- Tuesday haben wir insofern hautnah mitgelebt, da tatsächlich Elisabeth Warren in Fritzis Schule wählen war- sie wohnt ja in der Straße. Vor der Schule reichlich Kamerateams und Sprechchöre… Eine schöne Aufbruchsstimmung.  Wir hatten natürlich brav Rosinenbrötchen für den bakery sale gebacken und haben allen solidarisch zugewunken. Nachmittags sind wir mit Jean (meiner privaten, älteren Englischlehrerin und Freitagmorgen Konversations-Freundin) zum Wählen gegangen. Spannend. Ganz ohne Ausweis und nur mit Straßen- Nennung war das möglich- (natürlich nicht für uns). Für alle war sichtbar für welche Partei Jean wählen möchte… die Wahl des Kandidaten dann allerdings geheim. Wir durften alle mit in die Wahlkabine und haben mit dem Kinderseegen ordentlich gute Stimmung verbreitet. Fritzi ist so interessiert an allem und war richtig stolz auf ihren „I voted“ sticker auf der Jacke.
Leider scheint das Land nicht bereit für eine starke Frau. Oder die Sorge vor Veränderung ist zu groß… lieber das „sichere Mittelmaß“ welches nicht provoziert… So ist Warren mittlerweile aus dem Rennen. Schade.
Wir haben sie tatsächlich letzte Woche gleich zweimal auf der Straße gesehen. Vor ihrem Haus ist der Bürgersteig mit Dankes-notes und Weitermach-slogans bemalt. Dream big- fight hard.

Fensterschmuck aus dem Kindergarten

Wir waren nochmal krank. Alle und diesmal ich am längsten. Uhhh ahhh. Über zwei Wochen hat sich das diesmal gezogen- noch immer ist mein normales Energielevel nicht erreicht und ich falle abends müde ins Bett. Habe mir (so bisschen aus Langeweile) die Haare wieder kurz geschnitten. Sieht eigentlich aus wie immer, sehr vertraut. Der Hinterkopf vielleicht etwas zerrupft- mit fehlt eben eine mutige Jenna, die mich rettet und nachschneidet.
Aber krank sein und Kinder haben ist einfach echt doof. Schade, wenn die Tage nur irgendwie überstanden werden. Ich fühle die Zeit so fliegen- noch 4 Monate… das ist doch nichts! Nun ruft uns ja auch noch das Wetter raus in den Park… Aktionismus eben! Ich huste immer noch so bellend (natürlich in den Ellebogen), dass ich böse Blicke ernte und die Menschen die Straßenseite wechseln.

Ja der Virus.
Er ist auch in Amerika. Wenn auch sicher noch nicht so enorm wir auf der anderen Seite des Atlantiks. Mein eigener Alltag ist bisher sehr unverändert, aber es gibt kein anderes Thema. Alle Veranstaltungen werden abgesagt. Harvard hat seit Montag alle Kurse gestrichen und auf online umgestellt. Studenten werden explizit aufgefordert, nach dem spring break nächste Woche zu Hause zu bleiben und den Campus zu meiden (ob sie auch eine Klage fürchten?). Bisher alles Vorsichtsmaßnahmen. Noch kein Fall auf dem Campus, aber da es hier ja viele Dormitorien gibt (gemeinsame Duschen etc. und Quarantäne schwierig einzuhalten wäre, ist die Entscheidung sicher richtig.) Das Uni-Leben liegt still- bzw ist es online.
Wir erhalten täglich ausgiebige emails- von der Schulbehörde, der eigenen Schule, dem Kindergarten, Harvard und unserem Ärztezentrum. Gerade bin ich vor allem am Staunen und Beobachten. Was sich alles verändert auf dieser Welt… was doch möglich ist: gestrichene Konferenzen, Home-office überall, eingeschränkter Flugverkehr… (und -oh Wunder- die Pollution über den Städten lässt nach! Global warming hat das nicht bewirken können).
Aber was macht das mit den Menschen? Aus Deutschland höre ich so gruselige Geschichten, von Hamsterkäufen und realen Prügeleien um Desinfektionsmittel im Supermarkt… Menschen die egoistisch und gierig Läden stürmen und ganze Kartons einpacken… sogar aus Krankenhäusern Desinfektionsmittel entwenden (aus der Kinderonkologie!!!). Leute, wie ist das grausam. Was vermag dieser Virus für Energien freizusetzen und was schlummern für Ängste?
Der Ton der Emails die wir hier erhalten, ist so anders. Sicher sehr amerikanisch und pathetisch. Aber auch schön. „I know we are all doing our best right now to take care of each other“ (Kindergarten). Es geht um Zusammenhalt und gemeinsame Verhaltensänderung in diesen besonderen Zeiten. Es geht darum wie jedeR einzelne Verantwortung übernehmen kann und auch darum, ruhig zu bleiben, den Kindern Normalität zu geben. Die Schule informiert uns sehr transparent über Entscheidungsprozesse und wie das Thema im Unterricht behandelt wird. „We will do our best to support and inform the community- and we are all going to need to pull together in this spirit.“
hier ein schöner Comic.

„We recognize the challenge that this situation presents for our entire community and deeply appreciate the cooperation and assistance of every one of you“ (Harvard)

Die emails der Schulbehörde behandeln auch die Themen: Wie können wir ruhig bleiben- nicht panisch werden? Uns vielmehr aktiv und solidarisch verhalten- und damit resilient fühlen. Wir sind Teil einer Gemeinschaft- damit endet jede Email. Pathetisch? stimmt, aber es ist schöner als der Supermarktfight.
„during a time of anxiety and fear, it is especially important to offer one another respect, support and compassion“ (Schulbehörde)
Mich bringt es dazu zu überlegen, wo ich mich einbringen kann. z.B. andere Kinder betreuen, falls Schulschließungen entschiedene werden etc? Wir erhalten links zu allen aktuellen Empfehlungen der Gesundheitsbehörden und Tipps zur Gesprächsführung mit Kindern, Informationen von Traumatherapeuten, falls sich Kinder wirklich bedroht fühlen und panisch reagieren… Aber natürlich auch ständig und überall die Verhaltenstipps: so singen nun unsere Kinder beim Händewaschen, um die Zeiten einzuhalten.
Ein großes Thema in der Community Cambridge ist der Umgang mit Stereotypen. Nein, nicht die Asiaten verbreiten hier den Virus oder sind gar Schuld. Aber wie fühlt man sich als Chinese in diesen Tagen? Infektion ist kein Zeichen mangelnder Hygiene… Auch hier erhalten wir sensibles Material und gute Texte. Sie wären was für mein Anti-rassismus-training in der Schule gewesen!

COVID 19 is making people nervous because we do not fully understand this new virus yet. And fear of the unknown often activates stereotypes and biases, which in turn lead to micro-agression and discrimination (…) we have already heard some students linking coronavirus to particular national or ethnic identities. We adress such misinformation immediately and have made it clear that the virus is an equal opportunity concern (…) Let´s make sure we are giving them accurate, developmentally appropriate information. As always we need our community to be supportive and inclusive. (Schule)

Mutter, Vater mit Baby

Und was machen unsere drei Kids?
Till trägt gerade Zopf. Als Palme mitten auf dem Kopf. Gehört sich so als echter Hippster in Cambridge. Er lässt den Zopf den ganzen Tag drinnen und zeigt ihn stolz allen Menschen. Zum Einen hängen ihm so auch nicht die nervigen Haare ins Gesicht und zum Anderen ist das sicher durch zwei große Schwestern mit Haargummis im Haar motiviert. Dieser kleine Strumpfhosen Kandidat ist so niedlich. Lang und dünn wackelt er sehr beflissen durch die Wohnung (die Windel an den Knien) und hilft wo er kann. Wischt mit dem Lappen nach, trägt Dinge zum Tisch oder räumt ab. Bückt sich etwas schwerfällig, steht stöhnend auf… aber faul ist er nie. Bälle werden unermüdlich geworfen und gebracht. Manchmal sitzt er auch ganz ruhig da und guckt sich Bilderbücher an. Er ist einfach schon so richtig dabei und hat eigene Vorlieben und Wünsche. Er kann immer noch sehr gut die schwesterlichen Gebilde zerstören und ihre Hysterie auslösen. Aber er beginnt auch eigene Spiele mit ihnen zu haben und darf immer wieder dabei sein. Gerade mit Nora spielt er schon richtig. Dann laufen sie Händchenhaltend durch die Wohnung. Beide mit Puppen beladen und Nora erklärt mir, dass sie Vater und Mutter sind. Fritzi tut sich irgendwie gerade schwerer mit Till. Sie übergeht seine Signale und sein Distanzbedürfnis und holt sich dann regelmäßige Abfuhren ein und wird bei Weitem nicht so viel umarmt, stattdessen gekratzt. Das tut mir leid- für beide.

Fritzi hat Freitag einen Schulauftritt- der jetzt leider nur gefilmt wird- wir sind alle ausgeladen. Aber sie freut sich so und ist aufgeregt. Sie singt ständig Lieder und ich muss immer öfter nachfragen, da ich die englischen Worte nicht kenne, die sie so selbstverständlich verwendet. In der Schule geht es ihr gerade gut. Irgendwie ist eben überall Frühling- auch in den Gemütern. Ihre Schneidezähne wachsen und verändern das Gesicht. Nora läd abwechselnd ihre ganze Gruppe zum Mittagessen ein und wir sind wunderbar eingebunden. Manchmal würde ich gerne ihr Stimme runterregeln oder den Ton etwas freundlicher drehen…aber ich finde den Knopf nicht.

Wir schlafen mit offenem Fenster und hören morgens die Vögel zwitschern. Was ist das für ein Geschenk. Oh weh, da graut mir etwas vor dem lauten Bus und dem Verkehr in der Blücherstraße- aber der hält uns nicht ab! wir kommen bald! (Wenn uns im Juli wieder die Flieger mitnehmen).
Take care everyone of you!
Juditha

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