Halbzeit

Ein gemütlicher und alltäglicher Januar liegt hinter uns. Auch mal gut. Alltagsroutinen, Schule, Kindergarten, Sprachkurs, Arbeit… und dazu noch n paar Playdates zu Hause oder auf dem Raymont Park- unserem Lieblingsspielplatz um die Ecke.
Natürlich waren wir alle mal krank… abwechselnd und gleichzeitig. Das gehört sich ja so für einen Januar. Ist aber einfach anstrengend und diese Tage können nur „überlebt“ werden. Wenn man sich selbst so sehr nach einer halben Stunde Mittagschlaf sehnt, die Augen tränen und das Gesichtsfeld zieht sich zusammen… Erkältung im Anflug! Gleichzeitig wollen die Launen der zu Hause gebliebenen abgepuffert werden. Und ein krankes Baby ist so erbärmlich. Der erste Tag der hochfiebernden Kinder, war verhältnismäßig einfach zu jonglieren… aber kaum sank das Fieber, wuchs die Ungeduld und die schlechte Laune. Die Nächte? Ich hab nicht mehr mitgezählt, wie oft ich nachts raus musste. Nora hat Durst, ne halbe Stunde später muss sie Pipi. Fritzi kommt mit kalten Füßen. Das Bett ist aber voll belegt, also kuschel ich mich zu ihr ins schmale Bett. Dann wird Till wach, lässt sich nur mit der Brust beruhigen- also wieder zurück ins Familienlager. Nora glüht. Doch noch einen Wadenwickel… uuuaaahh!
Elias lag dann tatsächlich wirklich drei Tage im Bett… (ihn erwischt es immer am stärksten- und ehrlicherweise muss ich sagen, es ist mehr als „Männerschnupfen“.  Neidisch bin ich blöderweise dennoch- einfach im Bett liegen, erscheint himmlisch- die Nebenhöhlen- und Kopfschmerzen sind natürlich das Gegenteil).

Dafür geh ich nun regelmäßig schwimmen. Mit Schwimmhaube! Zudem wieder ein neuer Sprachkurs gebucht… Freiheiten!!
Das Wetter ist warm. Schön… aber gruselig. Auch in Neu England werden Wärmerekorde für den wärmsten Januar aufgestellt… Leute das ist so furchtbar! In Deutschland noch kein Schnee… bei uns auch viel Regen. Wir vertreiben uns die Zeit mit Seifenwasser blubbern und Falt-Figuren malen.

Nora puzzelt wie eine Weltmeisterin und darf sich nun aus ihren Kindergarten Puzzles ausleihen. Sie ist wirklich so geschickt. Sie genießt ihre eigene „Auszeit“, schnappt sich ein Puzzle und scheinbar ohne Konzept geht es los… da kann ich hundertmal empfehlen erst alle Teile umdrehen, dann zuerst den Rand machen… Pustekuchen, geht auch anders. Sie zieht sich mit dem Puzzle zurück (immer schön hoch, damit der Grapscherix keine Teile klaut). Im Kindergarten hat sie eine neue Herzensfreundin. Luisa. Ich mag auch die Mutter sehr gerne und so treffen wir uns nun einmal die Woche zum Mittagessen. Die beiden Einjährigen werden von den Schwestern zu Freunden definiert. Spannend finden sie sich allemal. Vom Kindergarten haben wir einen so schönen Brief bekommen. Eine Einschätzung zu Nora und auch beim Abholen bekomm ich gespiegelt, wie nett, hilfsbereit und anpassungsfähig Nora ist. In ihrer Gruppe ist sie ja die Älteste und so fühlt sie sich wohl sehr verantwortlich für die anderen „bedürftigen und schutzlosen“ Mädchen.

Wir waren beide die letzten Wochen mal parent helper– also einen Vormittag als unterstützende Eltern dabei. Elias durfte Yoga erleben und Nora war voll des Lobes, wie gut er mitgemacht hat. Nur die Tische hat er ihrer Meinung nicht gründlich genug abgewischt.

Ich durfte letzten Montag teilhaben und erlebe das Konzept echt als ein Geschenk Gruppendynamiken, Erzieherpersönlichkeit, das eigene Kind in der Gruppe, allein Abläufe verstehen und Verständnis entwickeln… Der Montag war allerdings laut und chaotisch und ich verstehe das Überangebot an Darbietungen nicht. Die Kinder sind überfordert und springen hin und her, ohne mit aufzuräumen… da hab ich mich nach klaren und begrenzten Montessoristrategien gesehnt. Überhaupt, diese amerikanische freundliche Art (die ich oft so genieße) nervt mich dann.. Wenn sich der Kindergarten scheut Grenzen zu setzen, zu kritisieren… so bringt eine Familie ihren Schützling einfach immer erst ne ¾ Stunde später… was dann gerade das morning meeting crasht. Eltern stehen plappernd den Kindern im Weg und gehen nicht… aber sie einfach mal vor die Tür setzen…? Im Rollenspiel der Erzieherinnen ging es um Integration und Mitspielen lassen… find ich ja auch wichtig. Manchmal muss aber auch das Spiel Einzelner geschützt werden oder?
Ich freue mich natürlich, dass sie Nora so gern mögen und sie gerne dort hingeht. Und dann ist mir ein herzlicher und liebevoller Ort das Wichtigste.

Auch Fritzi hat eine Art Zeugnis bekommen. Ganz unspektakulär, wurde es einfach an einem Tag mitgegeben… zumindest uns hat es überrascht. Auch hier kann sie stolz und zufrieden sein. Besonders der Brief an/ über sie liest sich so schön. Sie soll sich eher etwas mehr zutrauen. You can do it! Alle social skills sind großartig… und Lesen, Schreiben, Mathe… ach das kommt… möglichst ohne Druck. Macht sie ja denn eh nochmal. Sie ist ja auch hier gerade die Jüngste. Das vergisst man bei ihr echt ständig. Fritzi hatte eine schwere Zeit in der Klasse. Die Kasse ist sehr Jungslastig und meist leidet sie unter den lauten und wilden Kerlen. Neben zwei Kindern mit Autismus Diagnose, kommen in der Klasse ja so viel Kulturen, Geschichten und Hintergründe zusammen. Sehr divers, sehr bunt… spannend, aber eben für eine Lehrerin (mit einer Helferin) kaum zu jonglieren. Viel zu spät haben wir leider eine so nette Tschechische Familie von ihrem Klassenkameraden Voita entdeckt… nun sind sie schon wieder zurück. Das war eine sehr schöne Begegnung.
Die Mädchen in der Klasse haben dagegen blöde Dynamiken. Ausschließen und Weglaufen, Wegziehen… das gab Tränen und letztlich hatte ich auch mit einem Vater dazu Kontakt. Man, was kommen da für Elternaufgaben auf uns zu?! Einmischen? Selbst regeln lassen? Zu protektiv? Diesmal war es hilfreich, so ist es aktuell ganz gut und sie hüpft wieder gerne zur Schule. Aber ich spüre noch die Unsicherheit dahinter.
Das Lernen macht ihr gerade so richtig Spaß. Gerade geht es um Ländersymbole und Gemeinsamkeiten/ Unterschiede… Nun versteht sie eben schon richtig den Inhalt und so begeistert sie uns alle mit Einzelheiten… Was wir nun über die statue of liberty wissen! Plötzlich wäre es doch schön mal hin zu fahren… (Hatten wir bisher wegen der absurden Kosten nicht in Erwägung gezogen… mit drei kleinen Kindern in einer Metropole. Sightseeing…? Oder eher auf der Suche nach dem Spielplatz, Pipimöglichkeit, Pause? Nice!)

Morgen ist family breakfast bei Fritzi. Das heißt wir sind alle für eine halbe Stunde ins Klassenzimmer geladen und dürfen bestaunen, was die Kinder so gemacht haben. Fritzi ist seit Tagen aufgeregt. Ob sie mit ihrem storybook noch fertig wird (Eine Geschichte über sie und Roja)??
Es wird gesungen und bewundert. Sie hat heute allen Familienmitgliedern Kleider rausgelegt. Elias würde sie gern in Anzug und mit weißem Hemd kommen lassen. Also bitte mal ordentlich anziehen, ihr Eltern. Ha! Sind wir dir peinlich? Das fängt ja früh an! Wir haben nun einen Kompromiss gefunden. Sich selbst wohl fühlen und auch nicht ne „Angeberfamilie“ sein, gerade da nicht alle Eltern kommen können. Das konnte sie gut verstehen. Aber sie selbst wird mit geflochtenem Haarkranz, rosa Kleidchen und Klackerschuhen gehen… Nur zu.

Kalt wird es erst Samstag. Dann aber -15Grad angesagt…uh wuh.
Da brechen wir dann für fünf Tage gen New Hampshire auf. Haben mit Freunden ein Haus gemietet und hoffen eben auf ice skating auf dem pond… Schnee und Wintereindrücke. Das scheint zu klappen.

Unsere Nachbarn von unten sind Mitte Januar zu ihrem halben Jahr Sabbatical/ Heimatreise nach China aufgebrochen. Wir vermissen sie (haben es aber auch genossen mal richtig laut zu sein und nicht all unsere Schritte gehört zu wissen). Sie haben nun drei Wochen in Beijing verbracht und uns mir Bildern und persönlichen Eindrücken versorgt. Wie anders man Nachrichten hört, wenn man Menschen aus dem Land- oder gar in dem Land kennt.  Das ist zumindest ein großes Geschenk, welches wir aus unserer Zeit hier mitnehmen. Sich irgendwie mit der Welt verbundener fühlen. Wir haben brasilianische, israelische, spanische, japanische Freunde und eben zwei chinesische Nachbarinnen. Ja, irgendwie wird sie näher, die Welt, einem vertrauter.
Stimmt das auch für Amerika? Wie fühlt es sich an hier das Impeachment und die Vorwahl der Demokraten zu verfolgen?

Es bleibt mir sehr fremd. Dieses Amerika von Trump. Unseres hier ist so anders. Ich trau mich immer mehr auch bei unseren amerikanischen Freunden, Erziehern und Nachbarn nachzufragen. Aber was sollen sie sagen? Ohnmacht. Wut und Unglaube.

Seit einer Woche lebt eine spanische Familie unter uns. Zwei Juraprofessoren die Eltern- human rights. Die Kinder sprechen schon etwas englisch und plötzlich wird wieder die Treppe rauf und runter gejagt. Die Kids sind genau im richtigen Alter (Alonso 6, Elena 4). Jetzt wird es wieder bunt und laut. Schön.

Die Schneeglöckchen spitzen schon in den Vorgärten hervor und gerade Nora freut sich darüber.
Wir ziehen nun nämlich wieder entschleunigt durch die Straßen. Till läuft. Und mag nix anderes mehr machen. Die Trage und der Kinderwagen werden nun mit Aufbäumen, schrillen Schreien und Kratzversuchen bekämpft. Was kann er zornig sein!

Er läuft wie Charlie Chaplin und in zunehmendem Tempo. Am schnellsten ist er, wenn er sich (verbotenerweise) das Handy geschnappt hat und davon saust… so schnell kommt man eigentlich nicht um die Kurven in der Wohnung… Er flitzt und versteckt sich neben dem Sofa. Guckt und kichert… guckt nochmal und flitzt wieder los. Was ist das für ein niedliches Alter! Er trägt seine Windel selbst zum Müll. Meist fällt sie dabei zweimal runter. Dann muss er sich bücken, wieder aus den Knien hochkommen und mit seinen strammen Waden und nackigen Füßen weiter über den Boden tapsen. Er versteht nun einfach so viel. Bringt Mützen und ordnet Schuhe zu. Er ist gerade das einzige Kind der Familie, welches Spaß am Tischabräumen hat… er läuft unermüdlich mit jeder einzelnen Gabel bis zur Spülmaschine. „Top“ die kleine Faust mit Daumen hoch. Damit klatscht er dann die ganze Familie ab. Manchmal zeigt er bei einem guten Geschmack „top“… manchmal bekomm ich auch für eine leckere Stillmahlzeit ein „top“ gezeigt. Ja, das Essen. Die Eisenwerte sind noch niedrig, aber das restliche Blutbild scheint normal… also weiter anbieten, anbieten, anbieten… und ab und an eklige Eisentropfen erkämpfen. Kein Spaß.
Till redet sehr gestenreich in seiner eigenen Sprache und ständig dazwischen. Am schönsten ist es aber, wenn er sich selbst in den Schlaf singt. Immer mit der gleichen Melodie. Ich muss es mal aufnehmen.

Es ist Halbzeit. Bekanntlich fliegt die zweite Hälfte nochmal schneller. Also festhalten die Zeit. Genießen und Vorfreuen
gleichermaßen.

J

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