Die Kiste ist da!

Leicht demoliert aber Dank meiner Klebeband-Großzügigkeit selbst um Ecken und Kanten ist sie komplett… Sie wurde nicht einmal vom Zoll geöffnet. Nur der Paketlieferant wollte wissen, was drin ist… bei dem Gewicht! Immerhin 29Kilo!
Sie wurde mit fröhlichem Straßentanz und Jubelgeschrei empfangen.
Seither sitz Till wieder im guten alten Holz Trip Trap und das Plastik-Stuhl-Monster ist verbannt.


In der Kiste- gut unter Helmen, Winterjacken und Mützen versteckt ist auch unser Follow me angereist. Damit kann Nora mit ihrem croozer- Mountainbike hinter mein Rad geschnallt werden und „mitradeln“- auch ohne bisher selbst eigenständig fahren zu können.

Und so könnt ihr euch das dann vorstellen:

vorneweg: Fritzi
(mal motiviert flitzend, dann wieder von akuter Schwäche und Unlust gepackt, bei jedem Tritt schnaufend. Alle 100 Meter juckt es sie irgendwo, Haare stören im Gesicht oder etwas ist ins Auge geflogen… –> alle halten an)

dahinter: Elias (er kennt den Weg- bzw. hat das Handy griffbereit) mit Till im Anhänger
(Elias meist irgendwelche Ermahnungen, Motivationen oder Tips an Fritzi aussprechend)
(Till schlafend oder mit dem Schlüssel spielend.. auch mal schimpfend. Von meinem neuen Rosenstrauch hat er mind. 25 Blätter gerupft… wer stellt den auch neben ihn??)
(der Anhänger selbst mit orangener Warnweste und Fahne geschmückt)

stolze Radlerin

und hintendrein: Judith mit Nora im follow-me
(Judith nach vorne und hinten gleichermaßen motivierend oder singend oder ausrufend oder drohend oder frohlockend oder oder…)
(Nora ganz hinten: entweder träumend- dann vergisst sie zu treten… manchmal bremst sie gar aus Versehen mit dem Rücktritt… oder sie bringt hochmotoviert mit wilden Tritten unser Tandem zum Schwanken).

lieblich, was?
So gehen wir jedenfalls einkaufen .

Auch zwei wirklich schöne Fahhradtouren liegen hinter uns. Das ist einfach mein Fortbewegungsmittel erster Wahl! Freiheit und Geschwindigkeit…also Strecke machen und Abwechslung erleben. Und ja, es geht hier mit dem Zweirad! Besser als in Wiesbaden (eine Kunst?)

Diese Stadt radelt… also, wenn sie nicht gerade joggt! Himmel, so viel sportliche (schöne ) Menschen! Auch Volleyball am Strand oder Frauen- Fußball auf einem der zahllosen Sportplätzen auf unseren Erkundungstouren.
Auf dem Radweg nach Lexington haben uns Motivations-sprüche auf dem Asphalt begleitet „your pants look great today“ „cool like you´re running“ „ silence between songs“ „listen your steps on the asphalt“ aber auch etwas moralische Weisheiten„ It is not Tour de france“ „slow down“ „do not hassle slower passersby“ „please ring the bell or sing a song when you overhaul“
Und so haben auch die meisten sportlichen Menschen, die unsere kleine Fahrradkarawane überholten in Dauerschleife „ I´m on your left-on your left- on your left“ von sich gegeben.


Auch die Ampeln sprechen hier mit einem. „wait“… „wait“ wenn man das Knöpfchen drückt und noch nicht laufen darf…. Das motiviert natürlich zum Dauerdrücken und sich die Zeit vertreiben (und gern auch zum Streiten um das Knöpfchen), bis dann die Ampel umspringt: Das weiße (unser Grün) Menschlein leuchtet nur kurz und dann zählt es die Sekunden runter…. Das löst eigentlich bei jedem Ampelgang ein kleines Wettrennen aus- zumindest ist das bei unseren Kindern so.

Wer kann das bitte der Wiesbadener Stadtverordneten Versammlung vorlegen???

Autos halten tatsächlich vor jedem Zebrastreifen und zwar mit etwa fünf Metern Abstand. So fühlt man sich als Fußgänger und Radler tatsächlich sehr gesehen und nicht bedrängt.

Wir haben weiter unser Viertel erkundet. Von uns südlich Richtung Charles River wird es immer prunkvoller, grüner und die Villen und Anwesen verbreiten ein akademisches und erhabenes Ambiente. Hier leben wohl die Professoren.
Tolle Gärten und sooo hohe Bäume!
Von uns einmal nordöstlich über die Gleise der Regionalbahn beginnt Somerville, ein neuer Stadtteil. Das Publikum auf den Spielplätzen ändert sich… viel hipper, jünger. Auch die Häuser stehen zwar noch als Einzelhäuser in der Straße… immer noch in dem schönen Stil aus Holz und mit schönen bunten Farben gestrichen, aber oft etwas am abblätten. Sicher hat auch hier jeder eine Krankenversicherung und ein gedecktes Konto… vermutlich sogar einen Job am MIT oder einer anderen Uni in der Stadt… aber die Häuser wirken eher wie Reihenhäuser, die Bäume sind zarter. Alles eben lichter. Plötzlich fallen die chaotischen Kabelführungen durch die Straßen auf… Daneben ein Secondhandladen und ein workspace, ein Cafe…. Am Sonntag testen wir mal den Flohmarkt im hippen Teil!

Und doch scheint es, dass wir gerade mit Kindergarten und der Schule bei uns (im Spießer-cambridge) ein so großes Los gezogen haben!
Letzte Woche wurde von Eltern des Kindergartens zu einem Spielplatztreffen eingeladen. Etwa acht Familien waren da und wir konnten uns etwas beschnuppern. Ich hab versucht mit Gummitwist den Kids sprachliche Hürden zu nehmen… hatte zeitweise auch sicher sechs/sieben Kinder hüpfen… weit- und hochspringen… aber die Meinen haben sich schnell wieder verabschiedet und sich zurückgezogen in ihr Dauer Mutter- -Kind -Spiel. Manchmal ist es eben Fluch und Segen, dass sie sich gegenseitig haben. In unserem Alltag aber ist es einfach schön für sie.
Die sprachlichen Blockaden die ich von mir so kenne und in Deutschland mit meinem Popel-englisch erlebe, sind hier meistens weg… ich muss einfach. Und irgendwie geht es ja auch. Das ist gut und macht mich stolz. Leider sind deshalb noch nicht mehr englische Wörter in meinem Kopf und ich ärger mich über meine Beschränktheit und mein Unwissen. Was würd ich gern selbst erzählen und nicht immer nur lächeln und Phrasen einwerfen… Ich wär eben gern ich.
Gerade im Gespräch mit einer Hebamme- die mir auf dem Spielplatz vorgestellt wurde, hätte ich so gern besser sprechen können. Was sie mir aus dem System hier erzählte…uiuiui… da können wir ganz still werden. Als Arbeitnehmerin hat sie schwanger weiterarbeiten müssen… bis zur Geburt. Noch mit eigenem Blasensprung die Schicht beendet …drei Monate nach der Geburt ging’s auch gleich weiter.
Die Frauen können wohl im Krankenhaus zwischen Hebammenbetreuung und Artzbegleitung wählen… ganz verstanden hab ich nicht alles. Nur über unsere 30% Kaiserschnitte war sie schockiert… Immerhin hab ich nun eine erste amerikanische Telefonnummer in meinem Handy eingespeichert!!

Nächsten Dienstag geht auch bei uns der Ernst des Alltags los. Es war schön, dass wir eine so gemütliche Ankommzeit hatten… fühlt sich bisher eher etwas wie Urlaub an. Am dritten September dann aber : Fritzis erster Schultag. Gleich von acht bis drei. Da blutet etwas das Mama Herz… aber das darf es nicht so zeigen. Ich versuche mich in Vertrauen. Das machen die Kinder schon. Aber es ist schon lang, ganz allein und ohne die Möglichkeit der Kommunikation.
Nora hat es da etwas leichter. Nur drei Stunden ist sie täglich im Kindergarten und wir kennen mittlerweile Raum und Erzieherinnen. https://www.cambridgenurseryschool.org/staff.html
Nancy und Candice waren heut für ne halbe Stunde da. Nancy erinnert mich an Leyla aus unserem Kindergarten in Wiesbaden- ein liebevoller Oma-Typ. Sehr ruhig und herzlich. Candice hatte etwas mehr Norakontakt… beim gemeinsamen Domino und memoryspiel, hat Norali sie mit langem, vorsichtigen Zeigefinger mehrmals angetippt und an´s Weiterspielen erinnert.


Aber auch bei Fritzi gibt es am Donnerstag noch einen Tag der offenen Tür… Hoffentlich wird es dann auch für sie greifbarer. Heute haben wir schon Schultüten gebastelt!

Bis dahin erledigen wir step by step täglich irgendeine Bürokratie… eröffnen Bankkontos, machen Besorgungen- neuste Errungenschaft: ein Sodastream! Damit der Berg der Plastikflaschen eingedämmt wird und die Kids trotzdem sparkling water trinken können!

Beim family doctor sind wir registriert… und diese auch Kooperationspartnerin unserer Versicherung…für Schul- und Kindergartenuntersuchung zwar erst im November ein Termin bekommen…aber die Behörden lassen unsere Kinder hoffentlich so lang im System mitmachen. Und Formulare auszufüllen gibt es bis dahin eh noch genügende … das macht Elias gerade abends oder morgens oder eben zwischendurch am Handy… (manchmal allerdings tut er auch nur so und daddelt damit rum!). Ich freu mich, wenn das Organisieren wieder aus unserem Alltag verschwindet.

Wie es mir mit allem geht? So ganz richtig Zeit zum Fühlen und mich finden ist es nicht. Alles läuft rund und gut. Ist eben neu und spannend. Und die Stadt und die Menschen machen es uns leicht. Das Wetter eine Pracht! Ein so schöner Spätsommer, der uns begleitet. Warm, aber nicht heiß!
Wir schlafen mit offenen Fenstern! Es kühlt ab und tagsüber das Kleid mal mit und mal ohne Leggins… letztlich abhängig, ob wir wieder auf einen Wasserspielplatz getroffen sind….und irgendein Kleiderstück trockned am Kinderwagen hängt.
Seht selbst: Nora auf dem Weg zu unserem Kietzspielplatz… die playgrounds sind toll ausgestattet: Sonnencremespendern, Wasserfontänen, Trinkbrunnen

Genug der Worte für die zweite Woche. Noch mehr Bildereindrücke: Foodtrucks auf dem Harvardcampus und Hochhäuser und Hafen downtown (Nora: „wo ist hier die tamara?“).
Starke Redlerinnen, Vormittagsspiel auf dem Balkon, Till sabbotiert mein Pflanzvorhaben und ißt stattdessen die Erde aus dem Topf, die U-Bahn von unten…

Beste Grüße von einer meist fröhlichen Sippe!

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