snowdays

Schulfrei wegen zu viel Schnee! Könnt ihr euch das vorstellen…??? Ok, nach dem letzten Winter in Bayern schon… in Wiesbaden haben wir dagegen meist ja nur einen zarten Bodenbelag, der sich dann in Matsch oder Eis verwandelt. Aber hier hatten wir richtige Schneeberge. So, so schön.
Ich hab das richtig vermisst die letzten Jahre. Wenn es einfach zwei Tage durchschneit… Dass sie hier gleich ein Schulfrei angesagt haben, war wohl etwas übermotiviert und wohl die Reaktion auf den letzten Winter. Da wurden nämlich kein einziger snowday in Cambridge ausgerufen und dies hat zu Unzufriedenheit geführt -Lehrermangel, da nicht durch die Straßen gekommen, Kinder in Schulbussen festgehangen etc. Nun also eher etwas overprotected. Uns kam es nur recht. Ein unverhofft freier Tag… draußen zum Spielen und Rodeln mit Noras Kindergarten verabredet. Die Kids können gar nicht genug bekommen. Der erste Schnee hat auch sie so verzückt. Kaum zu Hause -die nassen Handschuh tropfen noch von der Heizung- betteln sie darum wieder raus zu gehen.
Richtig schön.
Wirklich ich bin mal wieder von den Socken, wie schön ein Winter sein kann. Wenn dann noch der Himmel am nächsten Tag blau ist, kann es gerne kalt sein. (Zudem funktioniert unsere Heizung!!!).

Im Alltag allerdings ist dieser Winter auch anstrengend, der Kinderwagen muss zu Hause bleiben und ich schleppe den langen, aber auch schweren Kerl (Till, nicht Elias!!). Auch die kurzen Radwege müssen eben zu Fuß gemeistert werden… Also Entschleunigung (meine größte Stärke!) und ständiges anziehen, ausziehen, umziehen und das mindestens dreimal am Tag. Geduldsproben!!!!

Ich hab ja schon rausgefunden, dass es der allgemeinen Laune besser tut, erst mich anzuziehen, dann Till und zuletzt die girls. Sonst bekommt eines der Mädchen mit rotem Kopf einen „Schwitzanfall“ und liegt brüllend auf dem Boden oder verweigert sich allen weiteren Schritten. Ich übe mich darin Gelassenheit walten zu lassen, atme durch mein drittes Auge auf der Stirn, wundere mich, wie oft manche Sätze gesagt werden müssen.- nun wird auch mir in der Jacke warm. „Als Allererstes die Schuhe… natürlich nach der Skihose. Schal und Mütze und zuletzt die Handschuh … oder halt:  Schon Pipi gemacht???“ Ein Wutanfall, da der Rock in der Skihose klemmt. Ich beginne zu schwitzen. Wo ist den die Mütze? Nein, die will ich heute nicht… geh doch schon mal runter…ich bring alles mit. Mir ist so heiß. Till auf meinem Rücken auch. Wo sind nur diese Handschuhe??? Ahhhhh

Nun ist aber innerhalb von ein paar Tagen der Schnee auch wieder geschmolzen und wir haben es auf 14 Grad gebracht…die Winde drehen hier und bringen die Lüfte wirklich von allen Richtungen mit. Und so wie es an zwei Tagen eben durchgehend schneien kann, so regnet es hier auch einfach mal drei Tage durch… auch das kenn ich gar nicht mehr aus Wiesbaden. Mit Regen einschlafen, aufwachen…und nicht nur Nieselsprühregen… einfach durchgehend richtige Wassermengen. Sogar der Regen ist hier gefühlt größer- komisches Amerika.
Aber es gefällt uns, das komische Amerika. Ob wir länger bleiben würden? Ja. Und dann doch nein. Letztlich stellt sich die Frage nicht, da das Stipendium begrenzt ist und uns nach einem weiteren Monat das Geld ausgehen würde. Es ist wohl alles so gut, so wie es ist- gerade durch die zeitliche Begrenzung. So kann ich Gutes genießen und über Ungutes eher hinwegsehen. Länger möchte ich diese Rollenverteilung nicht leben, außerdem seid ihr einfach doch echt weit weg und mit dieser Zeitverschiebung manchmal kaum zu erwischen- gerade ihr anderen Mütter… Und für die Kinder ist es ja auch schwieriger zu telefonieren und Kontakt zu halten. Drum sind die Flüge gebucht! Mitte Juli kommen wir wieder! Und wie schön, dass schon ein Familienwochenende und ein Wocheneden mit der Blü17 stehen!

…zu verkaufen
Papierplätzchen…

Auch unser soziales Leben hier lebt auf. Gerade Fritzi spricht nun echt ein rudimentäres englisch und wir verabreden uns mit ihren Klassenkammeraden. Schöne Begegnungen auch für mich mit den Eltern aus allen möglichen Ländern.
Besonders schön ist es, dass sich seit unserem sehr fröhlichen und netten Thanksgiving-abend die Mädchen im Haus gefunden haben. Die Kinder ziehen gemeinsam ab… besuchen Aria unten oder kommen zu dritt die Treppe hochgestürmt. Toll so eine Freundin im Haus. Nora hat mir erklärt „ich war unten noch etwas schüchtern, hab dann nur yes und no gesagt und sonst hab ich es einfach Fritzi ins Ohr geflüstert und die hat es dann für mich gesagt..“.
Aber gemeinsam trauen sie sich und kommunizieren, backen und essen auch mit den Eltern. Sonntagnachmittag waren alle drei Mädchen bei einer 70jährigen Nachbarin (einer etwas skurrilen Frau), die mit ihnen gebastelt hat… wunder welch Kitsch! Wir Eltern haben in der Zeit in unserer Wohnung Glühwein getrunken und hatten es reichlich nett.
Leider gehen Tom, Ying und Aria im Januar für ein halbes Jahr nach China. Schade, dass wir ständig Freundinnen verabschieden müssen. Es beginnt gerade so unkompliziert und vertraut zu werden.

Till sagt „Mama„. Und zwar wirklich in allen Tonlagen. Ob das jemals so zart, mit rauer Stimme geflüstert wurde, oder gar so energisch und fordernd?? Die Arme in die Luft… Nimm mich doch bitte endlich hoch???
Er spielt begeistert guck-guck-da… und sagt „halla“- ein arabisches Hallo?? Er winkt so herzenslieb an unserer Glastür zum Abschied und verteilt Küsse- der Mund halb offen. Er pustet Kerzen aus. Hält sich auch den langen Zeigefinger an den Mund und pustet- sch…wie im Gorilla-Buch. Oh was ist er für ein Zuckerhut! Wenn er an der Hand der Schwestern läuft, ist er schon so, so groß!
Gebadet hat er neulich aber noch in unserer Brotschüssel…

Vier Brote bringt uns wöchentlich die Naumansche Meisterbäckei… so, so lecker. Schön mit Brotduft aufzuwachen. Manchmal hat Elias (endlich wieder gesund!) auch Helferinnen und manchmal wird eben auch die Schüssel zweckentfremdet:

Das Bad ist Tills Liebelingsort und er ist so schnell dorthin unterwegs, dass schon so manche Klopapierrolle abgerollt wurde… die Klobürste steht oben im Regal und der Mülleimer auch. Auch dem Besen jagt er durch die Wohnung hinterher… Der Kehrer muss seine Krümel geschwind verteidigen oder weiterkehren.

Ansonsten ist wohl sein Lieblingswort ähähäh… damit kommandiert er mich durch den Tag. Wird wütend, wenn ich einfach nicht schnalle, was er will und ihm das Falsche vom Tisch heruntergebe. Alle Deckel müssen auf- und zu geschraubt werden, die Spülmaschinenrollen werden untersucht und er steckt sehr geschickt die Korken in das gebastelte Spielzeug mit Loch… Schreib ich dem gleich „jungeneigenschaften zu?“ Oder ist das Interesse wirklich anders- analytischer?
Seine Laufbegeisterung ist dagegen wieder der Tragelust gewichen. Blöde Idee. Das Sitzen im Tripptrapp findet er auch nur noch halb so spannend und möchte lieber auf den Schoß- natürlich auf meinen. Auch blöde Idee- ich esse so gern mit zwei Händen. Und essen? Könnte ich mich nicht einfach wieder ausschließlich Stillen lassen?? Was denkt sich dieser Kerl? Leute, ich muss arbeiten gehen!
Oder liegt es an dem Eisenmangel, der ihm diagnostiziert wurde?? Der Bleiwert war Gott Lob unter der Grenze (aber vorhanden!). Uns wurde aber die Substitution mit Eisen empfohlen… bei meinem Stillkind hat mich das erstmal nicht verwundert. Aber der Wert war deutlich, so haben wir das eklige Zeug ins Essen gemischt. Haben wir ihm jetzt alle Nahrungsmittel vergrault und er traut mir nicht mehr über den Weg, wenn ich ihm sogar Eis anbiete??? Das war also ein ungewollter Effekt: der Weg über gute Ernährung, wird damit noch komplizierter. Wo ist die eigene Gelassenheitsgrenze? Immer wieder schwierige Elternentscheidungen.
Tilli kann so fies kneifen. Er glaubt er kitzelt… stellt sich neben den Stuhl, schiebt den Pulli hoch und zwickt in den Speck! Sich selbst zu kitzeln (nicht kneifen) versucht er auch!!! Super süß!

Auch gebissen hat er uns schon alle: vor Wut, vor Wonne, aus Spaß, aus Zahnungsbedürfnis…. Das hat schon zu Tränen und entsetzten Schwestern geführt- Fritzi, die dann erschrickt und weint, sich aber nicht wehrt… Nora haut zurück.
Ihre Liebesbekundungen und ständige Rumschlepperei von Till ist etwas übergriffig. Ihre Umarmung etwas zu stark… ich höre mich meckern, zurückpfeifen- ohne Erfolg. Dann sitzen sie plötzlich vergnügt nebeneinander und lesen beide Bücher… Geschwister eben. Till würde den Schwestern immer so gerne nach, wenn sie im Treppenhaus nach unten zu Aria verschwinden. Der armer Kerl sitzt vor der verschlossenen Tür und bekommt auch von seinen Eltern keine Hilfe

Nun schlafen sie alle- mit roten Backen. Schöne Kinder. Dass sie mich auch so nerven, kann ich selbst gerade nicht nachfühlen.

Es gibt keinen Adventskalender in Amerika. Das haben die Kinder auch einfach so geschluckt. Auch keinen Nikolaus, haben wir gelernt. Mit dem mussten wir dann aber ein ernstes Wort sprechen und nachdem wir unsere Schuhe geputzt hatten (und auch der Schnee zum Supermarkt geschmolzen war), ist er doch noch gekommen. Hatte es ja auch so weit. So war´s halt der 8te Dezember! So ganz, ganz sicher ist sich Fritzi ja nicht, wer das jetzt war. „Mama, ich weiß, dass du das warst. Sag es bitte. Wie kommt der denn sonst in unsere Wohnung? Du hast die Birne gegessen, oder?“. Immer wieder wurde etwas zweifelnd die Realität abgeklopft.
Dafür hatten wir hier ja Thanksgiving. Haben gut gegessen und hatten einen wundervollen Abend mit Nachbarn und Freunden.


Es gibt auch keine Sterne in den Fenstern, dafür Lichterketten auf den Veranden, schöne Tannenkränze an den Türen und rote Schleifen am Geländer. Irgendwie schön. Bei uns leuchtet allerdings ein Stern aus Wiesbaden im Fenster (ich hab echt vorrausschauend gepackt!!) -nur die hiesige Glühbirne wollte nicht passen… andere Normwerte im Gewinde!!! so musste doch noch etwas unsinnigerweise eine Fassung und Kabel gekauft werden… aber der Stern war nun mal hier. So soll er auch hängen und leuchten. Die ganze Straße freut sich.

Wir zählen jetzt schon die Tannenbäume. Bäume werden hier vor allem mit Lichterketten geschmückt- soweit es unsere Spionblicke in die Zimmer erkennen. Ich diskutiere noch den eigenen Tannenbaum (muss wirklich ein Baum für uns gehackt werden??- aber Mama, dann ist es ja kein richtiges Weihnachten…mh, sie sind Kinder…also doch? Eigentlich bin ich schon überstimmt, verratet es nicht).

Die Weihnachtsstimmung ist also schön. Draußen tatsächlich weniger blinkend und aufdringlich wie erwartet- wir sind hier echt in einer stilvollen Blase…
Ich glaub, das echte Amerika ist wo anders…

der Teigdieb

Und die Weihnachtsstimmung bei uns zu Hause bei Kerzen, Tee und Mandarinen ist auch gemütlich. Hexenhäuser verzieren und Sterne basteln, backen und vorlesen… Wir bekommen nun keine Balletttänze mehr vorgeführt, sondern Eisfeen tanzen über das fiktive Eis. Zu Weihnachtsmusik…ein Traum! Wir wollten letzte Woche Schlittschuhlaufen gehen und hatten dann das Glück/Pech, dass ausgerechnet an dem Tag Profis geprobt haben… Jetzt kopieren sie Drehungen und Sprünge, trippeln und gleiten… Nora allerdings war auch schon zornig, da sie keine echten Schlittschuhe in der Wohnung tragen darf. Ein kleiner Zorndrache.

Euch allen eine schöne und ruhige Vorweihnachtszeit!
Eure Judith

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